Glauben, was man hört. Hören, was man glaubt? Zeitgeschichtliche Potenziale von Interviews und Oral History / From Listening to Understanding. Reconsidering the Historiographic Potentials of Interviews and Oral History

(Linde Apel, Knud Andresen, Hamburg)

Linde Apel, Knud Andresen, Hamburg:
Einführung und Moderation
Anke te Heesen, Berlin:
To Climb Into Other People’s Heads. Thomas Kuhn, die Wissenschaftsgeschichte und das Interview.
Franka Maubach, Jena:
Das Vetorecht der Quellen. Überlegungen zur sekundären Analyse von Oral-History- Interviews
Andrea Althaus, Hamburg: Migrationserzählungen. Zum Zusammenhang von Lebensgeschichte und Geschichte.
Julia Obertreis, Erlangen:
Kommentar

Abstracts (scroll down for English version):

Die Oral History war in der Bundesrepublik lange eine Glaubensfrage, um die zeitweilig erbittert gestritten wurde. Interviews galten anfangs in Teilen der historischen Zunft als unglaubwürdig und subjektiv, wurden aber bald zu beliebten Quellen, da sie Antworten versprachen auf die in der Kulturgeschichte aufgeworfenen Fragen nach Erfahrungen, Wahrnehmungen und Deutungsmustern historischer Akteurinnen und Akteure. Die seither geleistete theoretische und empirische Auseinandersetzung mit mündlichen Quellen hat gezeigt, dass es sich um eine anspruchsvolle Quellengattung handelt, von der kein direkter Zugriff auf subjektive Erfahrungen zu erwarten ist. Gleichwohl blieb eine weiterführende methodologische Diskussion über ihren langfristigen Quellenwert weitgehend aus. Gegenwärtig scheint die Oral History gleichermaßen etabliert zu sein, wie sie aufgrund ihrer methodischen und theoretischen Komplexität mancherorts ignoriert wird. Dies ist ein guter Moment für die Selbstreflexion über die Methoden, Fragestellungen und impliziten wie expliziten Ansprüche. Die Sektion befasst sich mit der selten beachteten Vorgeschichte der deutschsprachigen Oral History im Rahmen der frühen Zeitgeschichte, ihrer multidisziplinären und transnationalen Prägung, dem Erkenntnispotenzial mündlicher Erzählungen, mit Fragen der Sekundäranalyse sowie der Bedeutung der historischen und gesamtbiografischen Kontextualisierung von Interviews. Damit soll das methodische Instrumentarium stärker profiliert und zugleich die Oral History historisiert werden. Denn es sind mündliche Quellen entstanden, die über die Epoche der Mitlebenden und damit der Zeitgeschichte hinausweisen. Der Aura der Authentizität und der subjektiven Verführungskraft, die sich in der Überhöhung der Zeitzeuginnen und Zeitzeugen in medialer Geschichtsvermittlung oft zeigt, kann durch methodische und wissenschaftsgeschichtliche Reflexionen begegnet werden. Unterstrichen werden soll aber auch die Stärke der Oral History, Lebensgeschichten als historische Quellen zu generieren und neue Akzente in der Zeitgeschichte zu setzen. Was ist das Erkenntnispotenzial mündlicher Quellen für die historische Forschung? Können wir tatsächlich glauben, was wir hören, oder hören wir nicht doch nur, was wir ohnehin schon (zu wissen) glauben?

Anke te Heesen, Berlin:
„to climb into other people’s heads“. Oral History und die Wissenschaftsgeschichte der 1960er Jahre
Welcher Stellenwert mündlichen Quellen eingeräumt werden soll, war in den 1950er und 1960er Jahren in der Oral History der USA nicht unumstritten. Dabei wurde nicht nur die Aussagekraft der mündlichen Zeugnisse der ‚einfachen Leute’ thematisiert, sondern auch die sogenannten „expert interviews“. Saul Benison, einer der Protagonisten der Oral History an der Columbia University in New York, hatte dazu eine Anleitung verfasst, die auch in der wissenschaftshistorischen Community Anwendung fand. Im Vordergrund standen die minutiöse Vorbereitung des Interviewers und die geeigneten Techniken des Fragens. Im Vortrag wird das von der National Science Foundation (USA) geförderte Projekt Sources for History of Quantum Physics beschrieben, dem Benison beratend zur Seite stand. In dreijähriger Laufzeit (1961-1964) sollte die Vielfalt der noch existierenden schriftlichen Dokumente und verbalen Erinnerungen zur Quantenphysik gesammelt und gesichert werden. Mit der Leitung des Projekts wurde der Wissenschaftsphilosoph und -historiker Thomas S. Kuhn beauftragt, der mit den Assistenten John Heilbronn und Paul Forman die erste Oral History-Quellensammlung der Wissenschaftsgeschichte anlegte. Diese Sammlung wie die archivierten Akten des Projekts selbst können als ein entscheidendes Kapitel der Geschichte des Forschungsinterviews verstanden werden.

Franka Maubach, Jena:
Das Vetorecht der Quellen. Überlegungen zur sekundären Analyse von Oral History-Interviews
Der Titel des geplanten Panels adressiert ein grundlegendes Problem der Quellenkritik und Epistemologie. Die Gefahr, den Aussagen der Quelle – hier: den Worten des Interviewpartners – umstandslos Glauben zu schenken, ihnen also ‚auf den Leim zu gehen‘, erscheint beim lebensgeschichtlichen Interview ausgeprägter als bei anderen Quellen (nicht zuletzt wegen der Überzeugungskraft des erzählenden Menschen, mit dem der Interviewer ja immer in eine intensive, ja intime Beziehung tritt). Zwar ist eine solche „Parteilichkeit“ keine Spezifik der Oral History. Bei ihr jedoch handelt es sich um eine besondere und besonders ausgeprägte Form von „Parteilichkeit“, die es quellenkritisch zu beschreiben gilt.
Gerade in der Anfangszeit der europäischen Oral History Ende der siebziger, Anfang der achtziger Jahre war die Tendenz ausgeprägt, das mündliche Zeugnis unterdrückter gesellschaftlicher Gruppen, denen man „eine Stimme geben“ wollte, nicht nur anzuerkennen, sondern auch mit einer Aura der Authentizität (gegenüber entfremdenden Schriftquellen) zu umgeben. Aber sagten die Interviewpartner wirklich, was die Interviewer glaubten? Bestätigten sie die Vorannahmen der Interviewer über ihr Leben? Oder sagten sie grundlegend anderes? Und konnten die Interviewer das hören – und verstehen? Die sekundäre Quellenkritik früher Oral History-Zeugnisse, denen ich mich im Vortrag widmen möchte, könnte Aufschluss über einen Erkenntnisprozess geben, der beispielsweise im LUSIR-Projekt am Ende über die Vorannahmen hinaus- und zu der Erkenntnis führte, dass breite Bevölkerungsgruppen sich von den volksgemeinschaftlichen Verheißungen des Nationalsozialismus hatten einnehmen lassen; eine ganz besondere Version der „Vetokraft“ der Quellen.

Andrea Althaus, Hamburg:
Migrationserzählungen. Zum Zusammenhang von Lebensgeschichte und Geschichte
Wenn Historikerinnen und Historiker lebensgeschichtliche Interviews zur Erforschung eines historischen Phänomens heranziehen, beschreiben sie die Kontextualisierung der Erzählungen als zentralen Analyseschritt. Unter Kontextualisierung wird dabei meist die Verortung der Interviews in ihrem historischen Kontext verstanden, auf den sie verweisen und vor dessen Hintergrund sie ihre Bedeutung entfalten. Sinnvoll ist es, neben dem historischen auch den biografischen Kontext zu rekonstruieren und in die Analyse mit einzubeziehen. Am Beispiel von Migrationserzählungen deutscher und österreichischer Frauen, die nach dem Zweiten Weltkrieg als Haus- oder Gastgewerbsangestellte in die Schweiz gingen, wird im Vortrag gezeigt, dass erzählte Migrationserfahrungen eine geschichtliche und eine lebensgeschichtliche Dimension haben. Migrationserfahrungen finden in einer historisch-konkreten Situation statt, werden von ökonomisch-politischen Bedingungen reguliert und gesellschaftlichen Diskursen geprägt. Wie Migration erfahren und erzählt wird, hängt jedoch auch von biografischen Erfahrungen vor und nach der Migration ab. Die historische Kontextualisierung ermöglicht es, zu untersuchen, welche diskursiven Linien und historischen Ereignisse Eingang finden in die Erzählung und dadurch historiografisch bedeutsam werden. Die Berücksichtigung der biografisch-narrativen Strukturen bietet die Möglichkeit zu analysieren, wie Interviewpartnerinnen und –partner zu einem bestimmten Zeitpunkt im Leben und in einer spezifischen Erzählsituation ihren (Migrations-)Erfahrungen Bedeutung zuschreiben. In einer solchen doppelten Kontextualisierung kann die Subjektivität individueller Sinngebungen analytisch differenziert(er) erfasst werden.

Abstracts (English version):

Oral histories were long a point of contention in the Federal Republic of Germany, occasionally becoming the subject of bitter dispute. Interviews were initially considered by some historians as too unreliable and subjective, but they soon became favourite research sources because they promised answers to cultural history questions concerning the experiences, perceptions and interpretive frameworks of historical actors. The theoretical and empirical treatments of oral sources since then have shown this to be a highly complex genre, one where unfiltered access to subjective experiences cannot be expected. Nonetheless, there has been little in-depth discussion on the methodological level about its ultimate value as a research source. While oral histories now seem well established in some spheres, they remain ignored in other ones, due to their methodological and theoretical complications. Now is a good point in time for us to reflect on our research methods, corresponding issues and implicit/explicit aspirations. This section looks at the seldom considered roots of German-language oral history in regards to early contemporary history and its multidisciplinary and transnational interactions; examines the research potential of oral narratives; investigates questions of secondary analysis; and ponders the importance of contextualizing an interview not only within history, but also within a broader biography. This should help us to better define the methodological arsenal, while also historicizing oral history. After all, there are also oral histories that point beyond the era of the still living, and thus beyond contemporary history. Here, the aura of authenticity and seductiveness of subjectivity, as often seen in the disproportionate elevation of eyewitness testimony in media presentations of history, can be counterbalanced by reflecting on methodology and the history of science. However, one should also highlight the strengths of oral history, in generating additional historical sources from life stories and providing new catalysts to the study of contemporary history. What potentials for new insights do oral sources hold for historical research? Can we really believe what we hear, or are we only hearing what we already believe?

Anke te Heesen, Berlin:
“To climb into other people’s heads”. Oral History and the History of Science in the 1960s
In the USA of the 1950s and 60s, there was much debate about how much weight should be given to oral histories. It was not only the validity of oral testimonies by “ordinary people” that was open to debate, but also of so-called “expert interviews.” Saul Benison, one of the proponents of oral history at Columbia University in New York, wrote instructions for the subject that also became used by science historians. It focused on meticulous preparations by the interviewer and on the appropriate ways to pose questions. This lecture will look at the project called Sources for History of Quantum Physics, which was funded by the National Science Foundation (USA), and for which Benison acted as an advisor. Running from 1961 to 1964, it aimed to gather and secure the wide range of written documents and verbal reminiscences that still existed concerning quantum physics. The project was led by historian and philosopher of science Thomas S. Kuhn, who was assisted by John Heilbronn and Paul Forman in building the first archival collection of oral histories concerning the history of science. This collection, along with the project’s archived documents, can be seen as a decisive chapter in the history of the research interview.

Franka Maubach, Jena:
The Veto Power of Source Materials. Thoughts on the Secondary Analysis of Oral History Interviews
The title of the scheduled panel calls attention to a fundamental problem in source material criticism and epistemology. The danger of giving unquestioning credence to the assertions found in source materials (here, the words of the interviewee), and thus to be “led by the nose”, seems greater with life-story interviews than with other source materials (also because of the persuasive charisma of the narrating person, with whom the interviewer always enters into an intense, even intimate relationship). While such “partisanship” is not restricted to the field of oral history, it is nonetheless a very particular and particularly pronounced form of “partisanship”, one that needs to be examined in terms of source material criticism.
Especially in the early days of European oral history research during the late 70s and early 80s, there was a strong tendency to not only acknowledge the oral testimonies of oppressed social groups, to whom one wanted to “give a voice”, but also to surround them with an aura of authenticity (to a greater extent than with more detached written sources). But did the interviewees really say what the interviewers believed? Did they confirm the interviewers’ presuppositions about their lives? Or did they say something fundamentally different? Were the interviewers able to hear this – and understand? My presentation will focus on the secondary source-material criticism of early oral history testimonies, potentially offering insights for a more nuanced interpretive process, one that ultimately takes us past our presuppositions and, using the example of the LUSIR Project, towards the recognition that large swathes of the German populace had let themselves be swept up into the community-bonding promises of National Socialism; a very particular version of the “veto power” of source materials.

Andrea Althaus, Hamburg:
Migration Narratives. The Relationship between Biography and History
When historians utilize life history interviews in researching a historical phenomenon, one major step in their analysis is to contextualize the narrative. This is usually understood as placing the interview within the historical context to which it refers and from which it derives its significance. However, besides this historical context, it is also helpful to reconstruct the biographical one, and to incorporate it into the analysis. This lecture will show how narrations of migration experiences have both a historical dimension and a biographical one by looking at the migration narratives of German and Austrian women who went to work in Switzerland after World War II as domestics and hospitality staff. Migration experiences take place within concrete historical situations, are governed by economic/political conditions and are shaped by social discourses. On the other hand, how migration is experienced and recounted also depends on the biographical experiences that happened before and since the migration. Historical contextualization allows us to analyse which discursive lines and historical events find their way into the narrative, thereby becoming historiographically significant. Meanwhile, the consideration of a narrative’s biographical framework helps us to analyse how the interviewee assigns meaning to their (migration) experiences at a particular time in their lifetime and within a specific situation of recounting. This twofold contextualization enables a more analytically nuanced understanding of the subjectivity of individual interpretation.