Glauben und die Glaubwürdigkeit des Historikers/ Obviously Believers – The Credibility of the Historian

(Christian Wendt, Berlin, Neville Morley, Bristol)

 

Christian Wendt, Berlin:
Glauben an und bei Thukydides

Neville Morley, Bristol:
Belief in an Unhistorical Thucydides

Liisi Keedus, Helsinki:
O ye of different faith—Leo Strauss and his school

Uwe Walter, Bielefeld:
Kommentar

 

Abstracts (scroll down for English version):

 Die Kategorie des Glaubens ist aus der Selbstdefinition der Historiker und Historikerinnen gestrichen – Nachprüfbares oder im Mindesten plausibel zu Machendes, bestenfalls auf der Basis einer breiten Datensammlung, soll die Arbeit am historischen Sujet abgrenzen von einer bloßen informierten Meinungsäußerung, vom Dilettieren.

Wie aber steht es mit dem Glauben an Instanzen oder Personen, denen Glaubwürdigkeit beigemessen wird, etwa an das Renommee einer Koryphäe, das unanfechtbar geglaubte Referenzwerk, die treffendste methodische Schule?

Am Beispiel des Thukydides und seiner Rezeption soll diese Frage exemplarisch gestellt werden: Wie gelingt es, einem fernen Autor ein derartiges Maß an Glaubwürdigkeit zuzusprechen, dass man an ihn glauben kann wie an eine quasi unanfechtbare Instanz? Und daraus leitet sich die Frage ab: Wieviel Glauben oder auch Glauben-Wollen steckt in der Überzeugungskraft eines historischen Arguments?

 

Christian Wendt, Berlin, behandelt das Moment des Glaubens oder der Überzeugung bei Thukydides selbst, um anhand dessen die Konstruktion von Glaubwürdigkeit in bezug auf den athenischen Autor als Mechanismus zu hinterfragen.

Neville Morley, Bristol, geht dem Phänomen auf den Grund, wie es dazu kam, daß ein als Musterhistoriker wahrgenommener Autor in anderem Kontext zu nahezu unanfechtbarer Glaubwürdigkeit gelangen konnte, wie also der Transfer des Thukydides von der Geschichts- zur Politik- und Sozialwissenschaft zu erklären ist.

Liisi Keedus, York, setzt sich mit der Rezeption des Thukydides bei Leo Strauss auseinander und problematisiert die Glaubwürdigkeit des Interpreten, der einen besonderen Zugang zu einem selbst als glaubwürdig verstandenen Urtext genießt, seine Autorität dementsprechend doppelt konstruiert.

Uwe Walter, Bielefeld, wird diese Denkanstöße kommentieren und erweitern. Denn dem gewählten Beispiel zum Trotz soll es nicht allein um Thukydides und sein Nachleben gehen, sondern eine geschichtstheoretische, auch experimentelle Perspektive eingenommen werden.

 

Abstract (English version):

 The category of ‚belief‘ is excluded from the self-definition of historians; the verifiable, or at the very least the plausible, preferably on the basis of a broad range of data, should distinguish work on the historical subject from a simple expression of informed opinion, from dilettantism.

But what about belief in authorities, or persons to whom credibility is attached, such as the reputation of a genius, the automatically believed reference work, or the most perceptive methodological school?

This question can be illustrated through the example of Thucydides: how is it possible to grant an ancient author such a degree of credibility that one can believe in him as an almost unquestionable authority? And this also raises the question: How much belief, or wish to believe, is contained in the persuasive power of a historical argument?

Christian Wendt, Berlin, explores the moment of belief or conviction in Thucydides himself, as the basis for questioning the construction of credibility in relation to the Athenian author.

Neville Morley, Bristol, gets to the bottom of the phenomenon whereby an author perceived as a model historian can attain in a quite different context an almost unchallenged authority, as in the case of the transfer of Thucydides from history to political and social science.

Liisi Keedus, York, deals with the reception of Thucydides by Leo Strauss, and problematizes the credibility of the interpreter, who enjoys special access to an original text understood as being itself credible, and thus doubly establishes his authority.

Uwe Walter, Bielefeld, will comment and expand on these ideas, since these issues concern not only Thucydides and his reception, but engage with a historical-theoretical, even experimental perspective.