Glaube an die Nation: Zivilreligion in den USA und Deutschland/ Faith in the Nation: Civil Religion in the United States and Germany

(Heike Bungert, Münster)

Jana Weiß, Wisconsin-Madison:
»Celebrating One Nation Under God«: Feiertage als zivilreligiöse Inklusionsinstrumente

Heike Bungert, Münster:
Zwischen Integration und Legitimation: Zivilreligion in Inaugurationen US-amerikanischer Präsidenten

Ulrike Stedtnitz, Münster:
Die »City on a Hill« als »City of Refuge«: Zivilreligion in der evangelikalen Debatte um Flüchtlings- und Einwanderungspolitik in den USA

Rolf Schieder, Berlin:
Zivilreligiöse Rituale in Deutschland: Leisten sie einen Beitrag zur Integration?

 

Abstracts (scroll down for English version):

Gerade im Kontext der gegenwärtigen Flüchtlingskrise scheint die Frage nach dem Zusammenhalt des Staates und damit auch nach dem „Glauben“ an die Mission der eigenen Nation hoch aktuell. In der amerikanischen Sozialwissenschaft werden die enge Verbindung von Religion und Politik und der Glaube an die US-amerikanischen Werte seit Robert Bellahs einflussreichem Aufsatz von 1967 unter dem Begriff der Zivilreligion gefasst, als „a genuine apprehension of universal and transcendent religious reality (…) revealed through the experience of the American people“. Zivilreligion verbindet Bürger und Gesellschaft mit einem transzendenten Referenzpunkt, verleiht dem politischen Leben der Gemeinschaft sakrale Bedeutung und stiftet Einheit. Während zivilreligiöse Vorstellungen durch ihre religiöse Interpretation der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft den Einzelnen in die heterogene, konstruierte US-amerikanische Gemeinschaft integrieren können, sind sie zugleich Ausdruck zeitbedingter Kontexte und können die jeweilige politische Agenda legitimieren. Darüber hinaus kann Zivilreligion eine kritisch-prophetische Funktion erfüllen, indem sie moralische Normen vorgibt und eine spezifische Verantwortung von US-Amerikanern als Gottes auserwähltes Volk voraussetzt. 
Die Sektion fragt danach, welche Möglichkeiten und Grenzen das Konzept von Zivilreligion birgt. Ziel ist es, die internationale, interdisziplinäre Diskussion über Zivilreligion anhand von Vorträgen von Historikerinnen und Theologen einem deutschen Publikum vorzustellen. Einerseits wird das jeweilige Konzept von Zivilreligion in allen Vorträgen dargelegt bzw. eingeordnet, sowohl für die Geschichtswissenschaften, für welche insbesondere die Fluidität des Konzepts wichtig ist, als auch für die Religion(spolitik) in zunehmend multikulturellen und multireligiösen Gesellschaften. Andererseits werden Akteure, Praktiken und Funktionsweisen von Zivilreligion in Fallbeispielen aus den USA und Deutschland im zwanzigsten Jahrhundert untersucht.

Jana Weiß, Wisconsin-Madison:
»Celebrating One Nation Under God«: Feiertage als zivilreligiöse Inklusionsinstrumente
Die US-amerikanische Zivilreligion manifestiert sich insbesondere an nationalen Feiertagen wie dem Independence Day, dem ältesten Feiertag in Gedenken an die Gründung der Nation am 4. Juli 1776, und dem Memorial Day, dem Feiertag, der dem Gedenken an die Kriegsgefallenen seit dem Bürgerkrieg (1861-1865) dient. Als fester Bestandteil der zivilreligiösen Liturgie werden die Feiertage jährlich zu öffentlichen Schauplätzen, an denen zivilreligiöse Vorstellungen in Ritualen aktiviert, die nationale Identität und Mission bekräftigt, die Einheit der Nation heraufbeschworen und tagespolitische Entwicklungen debattiert, aber auch legitimiert werden. 
Insbesondere in Kriegszeiten nutzen US-amerikanische Politiker eine zivilreligiöse Deutungsbrille, welche die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft der Nation in einen transzendenten Sinnzusammenhang setzt und die Nation „under God“ vereinen soll. Dabei behandelt der Vortrag die Nutzung der Feiertage als Inklusionsinstrumente im Zuge des Kalten Kriegs, insbesondere während des Vietnamkriegs, der einen historischen Einschnitt markiert.
Exemplarisch für die Spaltung der Nation wird die Friedensbewegung untersucht, die einerseits den Gebrauch zivilreligiöser Symbole durch das politische Establishment kritisierte, andererseits die gleichen Symbole für sich selbst reklamierte und diese umdeutete, um den Kriegseinsatz zu delegitimieren. 
Der kritische Diskurs an den Feiertagen über die Bedeutung und das Inklusionspotenzial der Zivilreligion zeigt, dass diese an die jeweiligen historischen Umstände und das Selbstverständnis der Nation sowie verschiedener Gruppierungen innerhalb dieser angepasst werden kann. Dementsprechend kann Zivilreligion die Gesellschaft integrieren, muss dies aber nicht zwangsläufig mit mehrheitlich-konsensfähigen Inhalten tun.

Heike Bungert, Münster:
Zwischen Integration und Legitimation: Zivilreligion in Inaugurationen US-amerikanischer Präsidenten
Amtseinführungen US-amerikanischer Präsidenten sind eines der wichtigsten Rituale der US-amerikanischen Zivilreligion. Sie haben drei Funktionen: Die Macht in einer Demokratie friedlich zu übertragen, dem neu gewählten Präsident und seinem politischen Programm Legitimität zu verleihen und nach einem harten Wahlkampf die Nation wieder zu einen. Für all diese drei Funktionen ist Zivilreligion notwendig. 
Nach einer kurzen Einleitung zu Zivilreligion und den Funktionen wird der Vortrag zivilreligiöse Elemente in den einzelnen Teilen von Inaugurationen untersuchen, von den Vorfeiern über die Gebete und Gottesdienste bis hin zu den Inaugurationsreden, gemeinsamen Mahlzeiten, Paraden und Bällen. Hier werden einerseits Tradition, andererseits Unterschiede und Regenerationen im Laufe der Zeit und durch verschiedene Präsidenten analysiert. Auch die Nutzung zivilreligiöser Aspekte durch Demonstranten bei einzelnen Inaugurationen wird eine Rolle spielen.

Ulrike Stedtnitz, Münster:
Die »City on a Hill« als »City of Refuge«: Zivilreligion in der evangelikalen Debatte um Flüchtlings- und Einwanderungspolitik in den USA

In einem offenen Brief an Präsident Obama sowie an die Abgeordneten des amerikanischen Kongresses vom 1. Oktober 2015 forderte eine Gruppe bekannter evangelikaler Christen die Erhöhung der Aufnahmequoten von Flüchtlingen in die USA. Samuel Rodriguez, Präsident der größten Organisation latino-evangelikaler Christen (National Hispanic Christian Leadership Conference), appellierte an die „‚city on a hill’ to shine the light of compassion once again“. José Garcia von Bread for the World forderte: „As a nation ‚under God’ we have the faith and moral imperative to become the hands and heart of God by reaching out and welcoming the stranger.“ US-amerikanische Christen greifen in der aktuellen Flüchtlingsdebatte – wie schon in vergangenen Debatten um die Aufnahme von Flüchtlingen, zum Beispiel aus Vietnam – auf das korrektive Element der prophetischen Funktion von Zivilreligion zurück. Sie appellieren an Werte, die sich aus einer besonderen Verantwortung und Mission des Landes ergeben und kritisieren auf dieser Grundlage empfundene gesellschaftliche Missstände. Dieser Sektionsbeitrag soll danach fragen, wie amerikanische evangelikale Christen in aktuellen und vergangenen Debatten zur Einwanderungs- und Flüchtlingspolitik den US-amerikanischen Staat imaginierten: An welche Werte appellierten sie, wenn sie auch in den eigenen Reihen um die Aufnahme von Flüchtlingen warben oder das Bleiberecht nicht dokumentierter Einwanderer diskutierten? Und wie stellten sie die Flüchtlinge und Einwanderer dar – zwischen Gesetzesbrechern und idealen Staatsbürgern? Welche Rückschlüsse lassen diese frames über den evangelikalen Glauben an die amerikanische Nation zu?

Rolf Schieder, Berlin:
Zivilreligiöse Rituale in Deutschland: Leisten sie einen Beitrag zur Integration?
Eine strikte Trennung von Staat und Kirche gibt es in Deutschland nicht. Auch nach der Wiedervereinigung setzt Deutschland auf ein Modell der Kooperation des Staates mit den Religionsgemeinschaften. Das wird im Blick auf das enorme Engagement des Staates bei der religiösen Bildung seiner heranwachsenden Bürgerinnen und Bürger evident. Alle Parteien des deutschen Bundestages befürworten die Einrichtung eines eigenen islamischen Religionsunterrichtes mit dem Ziel, durch eine enge Kooperation mit den islamischen Verbänden die Integration heranwachsender junger Muslime zu fördern.
Aber nicht nur auf Gebiet der religiösen Bildung setzt der Staat auf die Kooperation mit den Religionsgemeinschaften – auch bei Inszenierung zivilreligiöser Rituale kooperieren deutsche staatliche Behörden eng mit den Religionsgemeinschaften. Bei Katastrophen, die das Gemeinwesen in seinen Grundwerten erschüttern, finden seit einigen Jahren nicht nur „Staatsakte“ statt, bei denen man sich der gemeinsamen Grundlagen versichert, vielmehr geht dem Staatsakt immer ein Gottesdienst am gleichen Ort voraus, so dass Staatsakt und Gottesdienst entweder in einer protestantischen oder einer katholischen Kirche mit besonderer Strahlkraft stattfinden – ein Vorgang, der etwa in Frankreich undenkbar wäre. Am Beispiel des Staatsaktes (und des diesem vorausgehenden Gottesdienstes) im Kölner Dom am 17. April 2015 anlässlich des Gedenkens an die Opfer des Absturzes einer Germanwings-Maschine soll der besondere Charakter zivilreligiöser Rituale in Deutschland erhoben werden und die Frage nach der Integrationsfähigkeit dieser Rituale angesichts zunehmender religiöser Pluralisierung in Deutschland gestellt werden.

 

Abstracts (English version):

In the context of the present refugee crisis the question of the cohesion of society and hence of “faith” in the mission of one’s own nation seem particularly relevant. Since Robert Bellah’s influential 1967 essay, U.S. social scientists have summarized the close connection between religion and politics as well as the faith in American values in the term civil religion, meaning “a genuine apprehension of universal and transcendent religious reality (…) revealed through the experience of the American people”. Civil religion links citizens and society to a transcendent reference point, confers sacral meaning to the political life of the community and creates unity among the different members of society. While civil religious beliefs in general are able to integrate the individual into the heterogeneous, constructed U.S.-American society by their religious interpretation of the past, present, and future, they are also an expression of the context of the time and thus are able to legitimate political agendas. Moreover, civil religion can serve a critical-prophetic function by defining moral norms and by assuming a specific responsibility for U.S. Americans as God’s chosen people.
This section analyzes the possibilities and limitations of the concept of civil religion. Its goal is to present the international, interdisciplinary discussion about civil religion to a German audience via papers by historians and theologians. On the one hand, the concept of civil religion will be explained and defined in all papers, both for historians, for whom the fluidity of the concept is of particular importance, and for religion (and religious policies) in increasingly multicultural and multi-religious societies. On the other hand, agents, practices and modes of operation of civil religion will be analyzed in case studies from the United States and Germany in the 20th century.

Jana Weiß, Wisconsin-Madison:
‚Celebrating One Nation Under God‘: Holidays as Civil Religious Instruments of Inclusion
U.S. American civil religion especially manifests itself on national holidays such as Independence Day, the oldest holiday in commemoration of the founding of the nation on July 4, 1776, and Memorial Day, the holiday which is to remember the fallen soldiers since the Civil War (1860-1865). As part of the civil religious liturgy, these holidays are public arenas where civil religious beliefs and rituals are activated, and in turn, the national identity and mission are affirmed, the unity of the nation evoked and political agendas discussed, but also legitimized.
 Especially in times of war, U.S.-American politicians use a civil religious interpretation to contextualize the past, present and future of the nation within a transcendent framework in order to unify the nation “under God”. Hence, this paper will address the use of holidays as civil religious instruments of inclusion during the Cold War, in particular the Vietnam War which marked a historic turning point. On the one hand, the peace movement (as an example for the division of the nation) criticized the government for its use of civil religious symbolism. On the other hand, it used the same civil religious symbols and reinterpreted them in order to delegitimize the war. 
Overall, the critical discourse on the meaning and inclusive potential of U.S.-American civil religion shows that civil religion can be adapted to the changing historical circumstances and the nation’s self-perception as well as adjusted by different groups within the nation. Accordingly, civil religion can unite society but not necessarily with generally agreed-upon agendas.

Heike Bungert, Münster:
Between Integration and Legitimation: Civil Religion in Inaugurations of U.S. Presidents
Inaugurations of U.S. presidents are one of the most important rituals in U.S. civil religion. They serve three functions: To transfer power peacefully in a democracy, to bestow legitimacy on the newly elected president and his political program, and to unify the nation after a controversial election campaign. Civil religion is necessary for all three aspects.
After a short introduction on civil religion and its functions, the paper will look at civil religious elements in the individual parts of inaugurations, from the pre-inaugural celebrations via the prayers and services to the inaugural addresses, the joint dinners, parades, and inaugural balls. On the one hand, the talk will analyze the maintenance of traditions, on the other hand, it will address changes and regenerations over the course of time and different presidents. The use of civil religious aspects by protesters at individual inaugurations will also be investigated.

Ulrike Stedtnitz, Münster:
The ‘City on a Hill’ as a ‘City of Refuge’: Civil Religion in the Evangelical Debate on Immigration and Refugee Policy in the United States
In October 2015, a group of well-known evangelical leaders penned an open letter to President Obama and members of the U.S. Congress. They asked the Obama administration and Congress to increase significantly the number of refugees to be admitted in the next fiscal year. Samuel Rodriguez, president of the largest Hispanic evangelical organization (National Hispanic Christian Leadership Conference) called on the “‘city on a hill’ to shine the light of compassion once again.” José Garcia of Bread for the World urged: “As a nation ‘under God’ we have the faith and moral imperative to become the hands and hearts of God by reaching out and welcoming the stranger.” In the current debate on refugee admissions, evangelical leaders are using the corrective element of the prophetic function of civil religion. They invoke values derived from a special responsibility and mission of the country, and on this basis criticize perceived social injustices – a practice that goes back to previous refugee crises, such as the Southeast Asian refugee crisis in the 1970s and 1980s.
This talk probes the question how U.S. evangelical Christians have imagined the American nation in current and past debates on immigration and refugee policy. Which values did they invoke when they recruited refugee sponsors among their own congregants or when they discussed pathways to citizenship for undocumented immigrants in their churches? How did they frame refugees and undocumented immigrants – between lawbreakers and ideal Americans? And what do these frames tell us about the evangelical faith in the American nation?

Rolf Schieder, Berlin:
Civil Religious Rituals in Germany: Do They Contribute to Integration?
In Germany, there is no strict separation of church and state. Even after reunification, Germany opted for a model of cooperation between the state and religious communities. This becomes evident in view of the immense involvement of the state in the religious education of its adolescent citizens. All parties of the German Bundestag support the implementation of separate Islamic religious education by means of a close cooperation with the Islamic organizations with the aim of encouraging the integration of young adolescent Muslims.
However, not only in the field of religious education does the state opt for cooperation with religious communities – even in the enactment of civil religious rituals, German governing authorities cooperate closely with religious communities. In case of disasters which shake the fundamental values of the community, for the past few years, not only state ceremonies have taken place, in which shared basic values are reaffirmed; these ceremonies are always preceded by a religious service in the same place, so that state ceremony and religious service are celebrated either in a Protestant or a Catholic church with an exceptional charisma – a procedure, which, for instance, would be unthinkable in France.
Using the example of the state ceremony (and the religious service preceding it) in the Cologne Cathedral on April 17, 2015, in commemoration of the victims of a Germanwings plane crash, the special character of civil-religious rituals in Germany will be analyzed and the ability of these rituals to integrate will be explored in light of an increasingly religious pluralization in Germany.