Gläubige und Marktgläubige. Zur Kontinuität unternehmerischer Semantik im 19. Jahrhundert/ Believers in God and in the Market: On the Continuity of Entrepreneurial Semantics in the 19th Century

(Martin Lutz, Berlin, Boris Gehlen, Bonn)

Martin Lutz, Berlin, Boris Gehlen, Bonn:
Einführung

Susanne Kokel, Marburg:
»Im Glauben und im Dienst an der Kirche« – Die Herrnhuter Brüdergemeine als Unternehmer

Martin Lutz, Berlin:
»May God make my trip profitable«: Mennoniten und der Markt in den USA

Catherine Davies, Hagen:
Gott, Natur, Markt – Semantiken von Wirtschaftskrisen in der 2. Hälfte des 19. Jh.

Boris Gehlen, Bonn:
»Vermehrung der Concurrenz« als »Glaubensbekenntnis«? Markt und Wettbewerb zwischen Sinndeutung und Selbstzweck in den Debatten des DeutschenHandelstags bis 1914

Jan-Otmar Hesse, Bayreuth, Volkhard Krech, Bochum:
Kommentare

Abstracts (scroll down for English version):

Boris Gehlen, Bonn:
„Vermehrung der Concurrenz“ als „Glaubensbekenntnis“? Markt und Wettbewerb zwischen Sinndeutung und Selbstzweck in den Debatten des Deutschen Handelstags bis 1914
Der Deutsche Handelstag (DHT) wurde 1861 als Vereinigung sämtlicher Handelskörperschaften im deutschen Raum gegründet und war die erste ‚nationale‘ Interessenvertretung der Wirtschaft. Die Handelstage waren bis 1900 das Zentrum der Willensbildung, ehe sie durch eine Organisationsreform vornehmlich repräsentativen Charakter erhielten. Die Debatten drehten sich, erstens, um die Grundsatzfragen der Wirtschaftsordnung und lassen, zweitens, aufgrund der heterogenen Zusammensetzung des Verbands unterschiedliche Sichtweisen auf das „Mantra“ von Markt und Wettbewerb deutlich werden. Der Beitrag zeigt auf, wie stark bestimmte Positionen als Glaubensbekenntnis formuliert wurden, für das bisherige Erfahrungen als Grundlage dienten, die die Erwartungshaltung der Unternehmer auch dann bestimmte, wenn sie mit neuartigen Marktphänomenen, etwa Marktversagen, konfrontiert wurden.
Diese Betonung von Marktprozessen und freier Konkurrenz wirkte nach innen sinnstiftend und stand gemeinsam mit dem Leitbild des „ehrbaren Kaufmanns“ im Zentrum der Organisationsidentität. Zugleich grenzte sich der DHT dadurch wirksam von partikularen Interessengruppen ab, die nicht die Verteilungswirkungen des Wettbewerbs, sondern eine staatliche Umverteilung zu ihren Gunsten einforderten. Abweichungen von den liberalen Prinzipien sowie die Forderung nach staatlichen Eingriffen benötigten im internen DHT-Diskurs stets eine besondere Rechtfertigung – selbst zu einem Zeitpunkt, als der moderne Interventionsstaat bereits deutlich ausgeprägt war.
Der Beitrag arbeitet exemplarisch heraus, dass „Markt“ und „Wettbewerb“ in vielfältiger Weise als „Glaubensbekenntnis“ im DHT fungierten. Das Begriffspaar wurde z.B. ritualisiert betont und Skeptiker gleichsam als Häretiker stilisiert. Dies war jedoch keineswegs bloß rhetorischer Selbstzweck, sondern diente nach innen der Sinnkonstruktion und nach außen der Abgrenzung von „Andersgläubigen“.

 

Martin Lutz, Berlin:
May God make my trip profitable“: Mennoniten und der Markt in den USA
Der Beitrag untersucht die Einstellung mennonitischer Unternehmer gegenüber Markt und Wettbewerb in der sich industrialisierenden Wirtschaft der USA. Die mennonitische Glaubensrichtung entstand als Teil der Täuferbewegung in der Reformationszeit. Nach mehreren Auswanderungswellen konzentrierten sich zum Ende des 19. Jahrhunderts große mennonitische Gemeinden schweizerisch-südwestdeutschen Ursprungs in Staaten der Ostküste und des Mittleren Westens, Gemeinden norddeutsch-russischen Ursprungs siedelten sich in Staaten der Great Plains an. Beide Gruppen partizipierten an den neuen Möglichkeiten der industriellen Wettbewerbsordnung der USA. Folglich entwickelte sich in beiden Gruppen im ausgehenden 19. Jahrhundert eine unternehmerische Dynamik, die bis in die Gegenwart anhält.
Seit der frühen Neuzeit wurde Mennoniten ein ausgeprägtes Unternehmertum zugeschrieben. So stellte Max Weber in seinen Aufsätzen zur Protestantischen Ethik für Mennoniten einen „Zusammenhang religiöser Lebensreglementierung mit intensivster Entwicklung des geschäftlichen Sinnes“ fest, der für die Entstehung des modernen Kapitalismus von zentraler Bedeutung war. Allerdings führt Weber weiter aus, dass sich der „Geist des Kapitalismus“ im Übergang in die Moderne von seinem religiösen Ursprung lösen und in eine säkulare Gesellschaft führen würde. Dies war bei Mennoniten nicht der Fall. Mein Beitrag argumentiert, dass mennonitische Unternehmer bis in die Gegenwart in einer Wirtschaftsethik verhaftet blieben, die auf den theologischen Grundlagen des Täufertums beruht. Die Kontinuität religiöser Sinndeutungsmuster manifestiert sich unter anderem auf einer semantischen Ebene in Bezug auf den Umgang mit Markt und Wettbewerb. Der Beitrag zeigt, wie Mennoniten den Markt als Handlungsraum unternehmerischer Möglichkeiten nutzten und ihre Handlungslogik durch die ethischen Maßgaben des Täufertums begründeten. Das Beispiel mennonitischer Unternehmer lässt sich damit in den breiteren Diskurs um Säkularisierung und Persistenz des Religiösen in der modernen Ökonomie einordnen.

Susanne Kokel, Marburg:
Tüchtige Kaufleute und moderne Großbetriebe – Die Entstehung des Konzerns der Herrnhuter Brüdergemeine 1895
Mit einer Neuordnung 1895 leitete die Herrnhuter Brüdergemeine eine radikale Modernisierung ihrer umfangreichen und diversifizierten Gemeinwirtschaft auf dem Europäischen Festland ein. Die bisher von lokalen Gemeindevertretern geführten Unternehmen wurden einem zentralen professionellen Management unterstellt, welches von Beginn an eine Strategie des Wachstums verfolgte und Ressourcen vor allem in Großbetriebe lenkte. Die damit verbundene Bereinigung des Portfolios ging einher mit der Aufgabe einer Vielzahl kleinerer Handwerks- und Handelsunternehmen insbesondere in ländlichen Regionen und mit direkten Auswirkungen für die Gemeinden. Höherer Kapitalbedarf, steigende Arbeitnehmerzahlen und Beteiligungen an fremden Firmen sorgten für zunehmende Verflechtungen mit externen Anspruchsgruppen, die wiederum auf Management und Unternehmenskultur zurückwirkten. Diese Veränderung des Geschäftsbereiches der Kirche, der traditionell durch eine Einbindung in das religiöse Leben als legitim tradiert und durch Erfolge in der Vergangenheit positiv konnotiert war, löste innerhalb der Gemeinschaft immer wieder Diskussionen über eine dem kirchlichen Eigentümer angemessene Konzernführung aus.
Damit ist eine Konstellation skizziert, in der ausgewiesen religiöse Akteure – auch die Finanzdirektoren waren Mitglieder der Religionsgemeinschaft – unter den Bedingungen der wirtschaftlichen Moderne und in einem immer stärker säkularen Umfeld unternehmerisch auf Märkten aktiv waren. Die Bedeutung religiösen Glaubens für eine sinnstiftende Unterlegung unternehmerischer Entscheidungen kann anhand überlieferter Protokolle und Korrespondenzen für einen Zeitraum von ungefähr 50 Jahren untersucht werden.
Welche Rolle spielte religiöser Glauben bei der Rechtfertigung umstrittener Entscheidungen gegenüber verschiedenen Anspruchsgruppen und welche Veränderungen im Zeitablauf können festgestellt werden? Können alternative Begründungen mit vergleichbarem Geltungsanspruch identifiziert werden und welche Akzeptanz hatten diese in der Religionsgemeinschaft?
Es wird die These aufgestellt, dass das Verständnis von religiösem Glauben und seine konkrete Bedeutung im Wirtschaftsleben im Zeitablauf Veränderungen unterworfen waren, welche in einem engen Zusammenhang mit der Rolle der Kirche in der Gesellschaft standen.

Abstracts (English version):

Boris Gehlen, Bonn:
„Vermehrung der Concurrenz“ als „Glaubensbekenntnis“? Markt und Wettbewerb zwischen Sinndeutung und Selbstzweck in den Debatten des Deutschen Handelstags bis 1914
The Deutsche Handelstag (DHT) was founded in 1861 and organized commercial and industrial associations. It was the first ‘national’ German business interest group. Its meetings soon were in the core of its decision-making process until, in 1900, a reform made them adopt a rather representative character. The delegates, at first, debated about basic issues of the economic order and, at second, represented – due to a heterogeneous composition – different views on “competition” and “markets”. However, the paper shows that main arguments were phrased as creeds. Moreover, they were based on experience and influenced the businessmen’s expectations even when they were confronted with previously unknown phenomena such as market failures.
The actors repeatedly emphasized the relevance of competition and thus constructed sense. Combined with the model of commercial honor, competition was in the core of the association’s identity. In doing so, the DHT isolated itself from interest groups which at that time preferred a different model of distribution – in favor of their members. Therefore, minority opinions or an active demand for state intervention always had to be thoroughly substantiated in DHT’s internal discourses.
The paper shows that “markets” and “competition” in several ways were constructed as creeds. The conceptual pair was ritually communicated and critics often stylized as heretics. But this was no rhetorical end in itself but worked internally as sense-making and externally to exclude dissenters.

Martin Lutz, Berlin:
May God make my trip profitable” – Mennonites and the Market in the United States
This paper analyses Mennonite entrepreneurs’ attitudes towards markets and competition in the industrializing economy of the United States. The Mennonite denomination evolved as part of the Anabaptist movement during the Reformation. By the end of the 19th century and after several waves of immigration, large Mennonite congregations of Swiss/southwest German origin lived on the East Coast and in the Midwest. More recent Mennonite immigrants from Russia and northern Germany settled in the Great Plains. These Mennonite groups seized opportunities provided by the industrial economy in the late 19th century, developing a vibrant entrepreneurial culture that continues through the present day.
Since the early modern period, Mennonites had a reputation of being prolific entrepreneurs. For example, Max Weber mentions Mennonites in his essays on the Protestant work ethic and describes them as having a “connection of a religious way of life with the most intensive development of business acumen” that was essential in the formation of modern capitalism. However, Weber also argued that the “spirit of capitalism” would lose its religious foundation in the course of modernization and lead to a secular society. This does not hold for Mennonites. I argue that Mennonite entrepreneurs remained and continue to be firmly committed to an economic ethic that is based on Anabaptist theology. The continuity of their religious creed is reflected in semantics regarding the market and competition. This paper shows how Mennonites used the market as an entrepreneurial opportunity while justifying their actions with Anabaptist religious principles. The Mennonite entrepreneurs’ case study is then discussed in the wider context of secularization and the persistence of religion in modern economies.

Susanne Kokel, Marburg:
Competent Businessmen and Large-Scale Enterprises – Formation of the Cooperative Group of the Moravian Church 1895
The reorganization of the extensive and diversified cooperative property of the Moravian Church on the European continent in the year 1895 made way for a radical modernization. Being up to now managed by elected elders of the local congregations, all companies were now put under a central professional management, deciding from the beginning to follow a strategy of growth, thus allocating resources mainly to large-scale enterprises. Respective portfolio adjustments led to closures of a number of smaller handicraft and trade companies, mainly located in rural areas, with direct impact on congregations. Higher capital requirements, a growing number of employees and investments in other companies led to increasing interlocking with external stakeholder groups, affecting management and business culture in return. The business area of the church traditionally accepted as an integral part of religious life with successful historical examples at hand thus underwent radical changes, causing many discussions within the community regarding management strategies and techniques being appropriate to church ownership. Analysis of sources like minutes and correspondences for a period of around 50 years can help to learn more about the importance of religious belief as a sense-giving fundament for business decisions.
The paper presents a case in which explicitly religious players – the financial directors being members of the religious community themselves – were acting as entrepreneurs on markets under the conditions of modernity in business and growing secularism. Which role did religious belief play for a justification of controversial decisions towards different stakeholder groups and how did this change within the analysed period? Were alternative explanations of comparable consequence and did they find acceptance within the religious community? I argue that the actual understanding of religious belief and it´s concrete importance in business underwent changes in time, closely related to the role of church in society.