Geschichte als Gegenwartsreligion? / History as a Religion of the Present

(Martin Sabrow, Potsdam)

Achim Saupe, Martin Sabrow, Potsdam:
Einführung: Das Relikt als Reliquie. Zur Frage nach dem transzendentalen Moment der gegenwärtigen Geschichtskultur
Achim Saupe, Potsdam:
Die geschichtsreligiöse Aufladung des Authentischen im historischen Museum
Stefanie Samida, Heidelberg:
Geschichtserleben als Erweckungserlebnis
Stefan Küblböck, Salzgitter:
Geschichtstourismus als Pilgerreise
Heidemarie Uhl, Wien:
Die Steine sprechen nicht. Die Aura des „Authentischen“ und die Gedenkstätte als „Heiliger Ort“

Abstract (scroll down for English version):

Das Selbstbild der Geschichtswissenschaft als auch ihr Bild in der Öffentlichkeit wird dadurch bestimmt, dass Geschichte im Kern Aufklärung sei, dass sie die kritische Auseinandersetzung mit einer allzu oft verklärten und verfälschten Vergangenheit betreibe. Die These der Sektion lautet dagegen, dass die öffentliche Geschichtskultur unserer Zeit zunehmend religionsförmige Züge angenommen hat, gleichsam Aufklärung in Sakralisierung verwandelt hat. Aufbauend auf einer funktionalistischen Religionsdefinition, die mit Clifford Geertz Religion als ein Symbolsystem definiert, das machtvolle Gefühle im Menschen wachruft, in dem sie Vorstellungen einer umfassenden und von einer unwiderstehlichen „aura of factuality“ umgebenen Seinsordnung erzeugt, sucht die Sektion die religiöse Kraft der gegenwärtigen Aufarbeitungs- und Erinnerungskultur exemplarisch zu vermessen.
Nach einer Einführung von Martin Sabrow (Potsdam) widmet sich Achim Saupe (Potsdam) der geschichtsreligiösen Aura des Authentischen im historischen Museum. Ohne den Reiz des Authentischen, die Einzigartigkeit des Echten und die Aura des Originals scheint die Bedeutung und Wirkung von Kulturgütern heute kaum erklärbar. Stefanie Samida (Heidelberg) geht der Frage nach, ob und inwieweit die Aneignung von Vergangenheit in populären Reenactments ein Erweckungserlebnis für die beteiligten Akteure markieren kann. Stefan Küblböck (Salzgitter) befasst sich mit dem Phänomen der touristischen Geschichts- und Zeitreise. Zwar versprechen historische Reiseziele keine Wunderheilung mehr, wohl aber die vermeintlich unmittelbare Annäherung an eine Vergangenheit, deren Nacherleben von der identifikatorischen Verzückung bis zur reinigenden Konfrontation reichen kann.
Abstract (English Version):

Historians’ own image of their discipline, as well as the public image of history, is determined by the idea that it fundamentally aims to bring educational enlightenment by critically examining a past that is all too often glorified and distorted. By contrast, this section will argue that contemporary public historical culture has increasingly adopted religious forms of expression and that enlightenment has given way to sacralization. Drawing on a functionalist concept of religion, defined by Clifford Geertz as a system of symbols which awakens powerful feelings by producing the idea of a comprehensive order of existence surrounded by an irresistible “aura of factuality”, the section will give concrete examples of the religious power inherent in conceptions of contemporary commemorative culture and ways of coming to terms with the past.
After an introduction by Martin Sabrow (Potsdam) Achim Saupe (Potsdam) will analyse the religious aura of authentic historical objects in museums. The significance and impact of cultural artefacts today are difficult to explain without reference to the attraction of the authentic, the uniqueness of the real and the aura of originality. Stefanie Samida (Heidelberg) asks whether, or to what extent, the appropriation of the past in popular reenactments represents an experience of religious-style awakening for participants. Stefan Küblböck (Salzgitter) is concerned with the heritage industry and the idea of travelling through time. Although historical destinations no longer market miracle cures, they do suggest the possibility of an immediate encounter with the past, the reliving of which can bring about anything from identificatory rapture to cathartic confrontation.