Gefühltes Wissen? – Konstruktion von Realität in deutschen Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden zwischen Weltkrieg und Mauerfall / Unsecure Knowledge. Constructions of Reality in German Intelligence Services and Police Authorities between World War II and the Fall of the Wall

(Jens Gieseke, Potsdam)

Gerhard Sälter, Marburg:
Der Widerstand gegen Hitler als Bedrohung der Nachkriegsdemokratie: Die Organisation Gehlen und ihre Wahrnehmung der Roten Kapelle
Bodo Hechelhammer, Berlin: Vorstellungswelten und Selbstbild von Doppelagenten: Wahrnehmungs- und Persönlichkeitsmuster von KGB-Spionen im BND
Jens Gieseke, Potsdam:
Die westdeutschen Grünen als potentielle Bedrohung der SED-Diktatur
Klaus Weinhauer, Bielefeld:
Terrorismus von links und rechts: Bedrohungsvorstellungen bundesdeutscher Behörden der Inneren Sicherheit in den 1970/80er Jahren
Beatrice de Graaf, Utrecht:
Kommentar

Abstracts (scroll down for English version)

Die Sektion nimmt die beginnende Diskussion um die Arbeitsweise von Geheimdiensten auf und schließt an die bereits seit längerem vorangetriebenen Forschungen zu Behörden der Inneren Sicherheit an. Beide haben einen auf Prävention gerichteten Auftrag und damit eine unauflösliche Spannung zu bewältigen: Sie sollen Gefahrenpotentiale entdecken, bevor eine Gefahr real geworden ist. Damit müssen sie Wissen über eine Vielfalt möglicher Gegner generieren, die theoretisch auf eine Totalität gesellschaftlichen Wissens zielt, was angesichts von gesellschaftlicher und politischer Komplexität auf eine systematische Überforderung herausläuft und eine paralytische Wirkung haben kann.
Auf der anderen Seite sind die eingehenden Informationen häufig unsicher und stammen aus nicht bewertbaren Quellen. Sie mussten bewertet werden aufgrund von bereits aggregierten Informationen, die häufig auf ähnlich zweifelhaften Wege zusammengestellt worden sind. Die Germanistin Eva Horn hat diese Wechselbeziehung zwischen Vorwissen und Ergebnissen treffend ein „epistemic delirium“ genannt. Es entsteht, wenn aus mehrfach gefiltertem und unüberprüfbarem Wissen Vorhersagen darüber getroffen werden sollen, wer ein potentieller Feind ist, welche Intentionen er hat und was er in Zukunft vorhaben könnte.
Vor diesem Hintergrund fragen die Beiträge der Sektion nach der Konstruktion von gesellschaftlicher Realität in Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden. Diskutiert werden Realitätskonstruktionen und die Wahrnehmung von Gefahrenpotentialen in Geheimdiensten und in der Polizei im geteilten Deutschland. Drei Fragen stehen im Mittelpunkt: Erstens soll untersucht werden, ob bzw. inwieweit es zeit-, system- und organisationsspezifische Feindbilder, Bedrohungsanalysen und Bekämpfungsstrategien gab. Zweitens gilt es zu überprüfen, ob bzw. inwieweit die dichotomischen Muster des Kalten Kriegs organisations- und zeitübergreifend fortgewirkt haben. Schließlich wird explizit nach Wandlungen im Zeitverlauf gefragt.
Gerhard Sälter (Berlin) beschreibt die von der Organisation Gehlen in den 1950er Jahren intensiv betriebene Suche nach der Roten Kapelle. Hierbei wurden Wahrnehmungen handlungsrelevant, die aus der personellen Kontinuität des Personals zum Nationalsozialismus resultierten. Frühere Gestapo-Beamte identifizierten die Gefährdung des neuen Staates dort, wo sie sie schon vor 1945 lokalisiert hatten: bei den Gegnern des Nationalsozialismus. Der Beitrag fragt nach den Bedingungen, unter denen solche Wahrnehmungen Geltungskraft erlangen konnten und inwieweit sie die Gefährdungsanalyse der Bonner Eliten beeinflusste.
Bodo Hechelhammer (Berlin/ Pullach) untersucht Selbstbild und Rollenidentitäten von Doppelagenten im BND. 1961 verhaftete KGB-Spione dienen als Fallbeispiele für die Frage nach dem „Selbstkonzept“ eines Spions und die daraus resultierenden Handlungsmechanismen. Rollendefinitionen und die damit einhergehende Konstruktion sozialer Realität beeinflusste ihr Handlungsfeld und bestimmte die Selbstlegitimation.
Jens Gieseke (Potsdam) analysiert die Rolle des Ministeriums für Staatssicherheit bei der Informationssammlung und Formulierung außenpolitischer Konzepte in Bezug auf die westdeutschen „Grünen“. Die junge Partei galt dem SED-Regime einerseits als möglicher Bündnispartner, jedoch unterminierten Kontakte von Grünen zur Opposition in der DDR diese Bemühungen. Das MfS bemühte sich intensiv, die Politik der SED gegenüber den Grünen zu mitzugestalten, wobei ihm seine Rolle als Informationslieferant mitzuwirken – eine Strategie, die jedoch mit dem fortschreitenden Verfall der Spielräume der DDR in der internationalen Arena immer weniger handlungsmächtig wurde.
Klaus Weinhauer (Bielefeld) untersucht die Entstehung von Bedrohungsvorstellungen am Beispiel des linken und rechten Terrorismus in der Bundesrepublik der 1970/80er Jahre. Sowohl überkommene Bilder vom Unterklassenstraftäter als auch der organisationskulturell tief verankerte Antikommunismus prägten lange die Wahrnehmungsmuster. Der rechte Terrorismus wurde nicht nur deshalb unterschätzt, weil das Feindbild der Polizei sich an alten Nationalsozialisten orientierte, auch Männlichkeitsmodelle in Führungskreisen der Polizei ließ sie das Bedrohungspotential unterbewerten.

Abstract (English version)

The section brings together the recent debates about work patterns of intelligence agencies with the established research on the institutions of domestic security (Innere Sicherheit). Both institutions have a preventative task and are thus confronted by the indissoluble tension to detect potential dangers before they become real. Thus they have to generate a totality of social knowledge about a plurality of enemies. This amounts to a social and political complexity, to a systematic and potentially paralyzing excessive demand. Moreover, the information collected often is uncertain and of problematic origin. This information has to be evaluated often in reference to an aggregated set of information which in itself has been assembled in similarly dubious way. The literary scientist Eva Horn has labeled this interrelationship between previous knowledge and results as „epistemic delirium“. It emerges when non-verifiable knowledge is used for predictions about potential enemies, their intentions and future plans.

Against this background the presentations of this section discuss the constructions of social reality of German intelligence and security institutions. Discussed are construction of realties and perceptions of danger potentials of intelligence agencies and of the police in the divided Germany. Three questions are put center stage: First, are there any concepts of the enemy, threat assessments, and control strategies which are time specific, transcend borders of institutions and political systems? Second, how far did dichotomous cold war patterns survive in security institutions? Third, in all cases we explicitly study changes over time.

Gerhard Sälter (Berlin) describes how „Organisation Gehlen“ intensively searched for members of the communist „Rote Kapelle“. In this case patterns of action became relevant which rooted in personified continuities from national socialism. Former members of the Gestapo identified threats to the new state there, where they had located them before 1945: In the ranks of the enemies of national socialism. The paper studies the conditions under which such perceptions became valid. It is also asked to what extend these patterns of thinking affected the analyses of threat of the political elites in Bonn. Bodo Hechelhammer (Berlin/ Pullach) analyzes self-images and role identities of BND double agents. Using the example of KGB spies who were arrested in 1961 concepts of subjectivity and related patterns of action are studied. Role definitions and related constructions of social reality influenced their field of action and also defined their self-legitimation. Jens Gieseke (Potsdam) discusses the role the Ministry of State Security played in collecting information and in the formulation of foreign political concepts related to the West German Greens (Grünen). On the one hand the SED regime considered the party as a potential ally. On the other hand the contacts the party had established to the oppositional groups inside the GDR undermined these efforts. The MfS tried intensively to influence the SED politics towards the Greens. Its chances for doing so, however, narrowed with the growing international decline of the GDR. Focusing on left and right terrorism of the 1970s and 1980s, Klaus Weinhauer (Bielefeld), analyzes the origins of related imaginaries of threat. In these years the perceptions of police organizations were shaped by outdated stereotypes about the underclass and by culturally deeply rooted patterns of anticommunism. On the one hand the threats of right-wing terrorism were underestimated by concepts of the enemy which targeted old national socialists. On the other hand it were also patterns of masculinity which among leading police elites led to an underestimation of the threats posed by right-wing terrorists.