Familienberatung, Begabungsforschung und Bevölkerungspolitik zwischen Verwissenschaftlichung und religiöser Legitimation/ Family Counseling, Aptitude Research, and Population Policy between »Knowing« and »Believing«

(Isabel Heinemann, Münster)

Isabel Heinemann, Münster:
Einleitung: Paar, Familie, Bevölkerung? Der Perspektivwechsel von der Eugenik zur Humangenetik und die (Re-)Aktualisierung religiöser Deutungsmuster

Claudia Roesch, Münster:
Bevölkerungssteuerung und Familienberatung in den USA: Das »Clergymen Advisory Council« von Planned Parenthood und die Debatte um Familienplanung in den 1950er und 1960er Jahren

Britta Marie Schenk, Kiel:
Eltern, Experten und Sterilisation: Humangenetische Beratung zwischen Glauben und Wissen in den 1960er bis 1980er Jahren

Till Kössler, Bochum:
Debatten um Vererbbarkeit von Begabung nach 1945

Gabriele Lingelbach, Kiel:
Kommentar

Abstracts:

Durch den Vergleich der Diskussionen um Vererbung von Begabung und „Behinderung“, um Lenkung von Reproduktion und Bevölkerungswachstum in den USA und der Bundesrepublik der 1950er bis 1980er Jahre soll herausgearbeitet werden, ob die „Verwissenschaftlichung des Sozialen“ auch als Revitalisierung religiöser  Legitimationsstrategien gelesen werden kann. Die Debatten legen dies nahe, wurden doch Vorstellung von „Familie“, dem Wert des Individuums und der Verantwortung des Einzelnen für das Wohl der Gemeinschaft mit religiösen Leitbildern verschmolzen oder diskursiv an diesen ausgerichtet. Am Ende der Sektion soll die Einschätzung stehen, inwiefern der Aufstieg von Wissensgesellschaften eine neue Konjunktur religiöser Werte und Begründungszusammenhänge implizierte, oder ob letztere nur zur Vermittlung kulturell und sozial kontroverser Botschaften genutzt wurden.
Folgende Fragen stehen im Zentrum der Überlegungen: (1) Wie wurde in Humangenetik, Begabungsforschung und Bevölkerungspolitik das Verhältnis von Glauben und Wissen verhandelt? (2) Welche religiös grundierten Vorstellungen determinieren die Vorstellungen von und Debatten um Begabung, Behinderung, und Reproduktion in Deutschland und den USA nach 1945? (3) Wann rekurrierten die Akteure auf die vermeintliche wissenschaftliche Nachprüfbarkeit, wann bemühten sie „Überzeugungen“ und „Glaubensfragen“? (4) Was sagt dies über Prozesse der Verwissenschaftlichung und der Pluralisierung von Normen in modernen Gesellschaften aus?

Isabel Heinemann, Münster:
Einleitung: Paar, Familie, Bevölkerung? Der Perspektivwechsel von der Eugenik zur Humangenetik und die (Re-)Aktualisierung religiöser Deutungsmuster
Nach dem Zweiten Weltkrieg löste die Humangenetik die durch den Nationalsozialismus diskreditierte Eugenik und Rassenforschung als Wissenschaft vom Menschen ab. Damit verbunden war der Anspruch, gestützt auf „moderne“ wissenschaftliche Erkenntnis, individuelle Reproduktion, Gesundheit und Intelligenz sowie die Entwicklung des Bevölkerungswachstums rational zu steuern. Innerhalb dieses Paradigmenwechsels kam kirchlichen Arbeitskreisen als Diskussionsforen und Beratungsinstanzen eine wichtige Funktion zu. Die Einleitung umreist die Einleitung die Leitfragen des Panels nach dem Zusammenhang zwischen religiöser Legitimation und Verwissenschaftlichung und exemplifiziert sie am Beispiel der Debatten um eugenische Sterilisation in der frühen BRD. Hierbei fragt sich insbesondere, inwiefern religiöse Deutungsmuster an die Stelle rassenanthropologischer Bewertungen traten und inwiefern die nationalsozialistische Rassenpolitik als Referenzkategorie der Debatten um Bevölkerungssteuerung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts diente.

 Claudia Roesch, Münster:
Bevölkerungssteuerung und Familienberatung in den USA: Das Clergymen Advisory Council von Planned Parenthood und die Debatte um Familienplanung in den 1950er und 1960er Jahren
Planned Parenthood nutzte bis in die frühen 1960er Jahre die Legitimation durch kirchliche Würdenträger, um öffentliche Anerkennung und politische Fördergelder zu erhalten. Gleichzeitig begriffen protestantische und jüdische Geistliche ihre Unterstützung als Möglichkeit, sich besonders in Abgrenzung vom Katholizismus als moderne Religionen zu präsentieren, die in der Lage waren wissenschaftliche Methoden der Bevölkerungssteuerung in ihr Moralverständnis zu integrieren. Daher untersucht dieser Vortrag das Wechselverhältnis zwischen Moderne, Wissenschaft und religiöser Ethik zur Mitte des 20. Jahrhunderts. Er zeigt die Spannungen zwischen einem konservativen Moralverständnis und dem Versuch, soziale Probleme wie Armut und ethnische Ungleichheiten durch Familienplanung zu bekämpfen, etwa in der Frage, ob Verhütungsmittel unverheirateten Frauen zugänglich gemacht werden sollten.

Britta Marie Schenk, Kiel:
Eltern, Experten und Sterilisation: Humangenetische Beratung zwischen Glauben und Wissen in den 1960er bis 1980er Jahren
Die Analyse der humangenetischen Beratung kann erklären, wie das Verhältnis von Glauben und Wissen in der Risikobestimmung von als vererbbar betrachteten Krankheiten und der Aussprache von Heim- und Sterilisationsempfehlungen an Eltern behinderter Kinder stets neu verhandelt wurde. Glauben resultierte in der humangenetischen Beratung in erster Linie aus Vertrauen und schuf Raum für Deutungen, die einschneidende Konsequenzen für die Betroffenen nach sich zogen. Im Vortrag wird diese These auf drei Untersuchungsebenen diskutiert: (1) auf der Ebene des Glaubens der ratsuchenden Eltern an Expertentum und an humangenetische Technologien, (2) auf der Ebene der Diagnosefindung und Ursachenforschung, (3) auf der Ebene der Konsequenzen humangenetischer Diagnosen in Form von Heim- und Sterilisationsempfehlungen für Kinder mit geistigen Behinderungen. In der Kombination aller drei Ebenen wird die Ambivalenz gesellschaftlicher Liberalisierungsprozesse sichtbar, die auch zur Einschränkung der Rechte von Menschen mit Behinderungen führen konnte.

Till Kössler, Bochum:
Debatten um Vererbbarkeit von Begabung nach 1945
Begabung und Intelligenz stiegen im 20. Jahrhundert zu Leitbegriffen der Anlage-Umwelt-Debatte auf. Wie wenige Begriffe erwarben sie eine besondere Sprengkraft an der Schnittstelle von Wissenschaft und Politik, Biologie und Gesellschaft. Aus einem vielfältigen und wenig festgelegten Sprechen über Talente, Genialität und Schwachsinn entwickelte sich eine Kontroverse darüber, ob Begabung in der Gestalt von Intelligenz als eine biologische, vererbbare Tatsache angesehen werden kann, oder ob sie eher als eine fluide, durch Umwelteinflüsse und Lernprozesse im Lebensverlauf formbare Eigenschaft angesehen werden muss. Der Vortrag fragt vor diesem Hintergrund nach der bisher kaum beachteten religiösen Dimensionen der Begabungsdebatten. Er untersucht die Auseinandersetzungen um Begabung und Intelligenz im Katholizismus und Protestantismus nach 1945 im Spannungsfeld von religiösen Menschenbildern, Vererbungstheorien und psychologischer Wissenschaft. Ein besonderer Fokus liegt auf der Ausgestaltung und dem Wandel der Begabtenförderung der christlichen Kirchen nach dem Ende des Nationalsozialismus.