Dynamiken religiösen Wissens: Resilienzstrategien und Innovationspotenziale im Angesicht der Moderne/ Dynamics of Religious Knowledge: Resilience and Innovation in the Face of Modernity

(Simone Lässig, Washington, Hedwig Röckelein, Göttingen, Kerstin von der Krone, Braunschweig)

Simone Lässig, Washington DC:
Einführung: Religion, Wissen und Resilienz: Zur Wandlungsfähigkeit sozialer Gruppen im Angesicht der Moderne

Kerstin von der Krone, Washington:
Alte und neue Wissensordnungen in der deutsch-jüdischen Geschichte

Anthony Steinhoff, Montreal:
Religiöses Wissen im Grenzland: Religionsunterricht und akademische Theologie in Elsaß-Lothringen, 1870–1914

Jana Tschurenev, Göttingen:
Religion und Sozialreform im kolonialen Indien: Anti-Kasten-Bewegung, Feminismus und und die Kritik des »Hinduismus«

Esther Möller, Mainz:
Transnationale Dimensionen religiösen und kulturellen Wissens im spätkolonialen Nahen Osten

Hedwig Röckelein, Göttingen:
Wissensordnungen und Religion. Ein Kommentar aus der Perspektive der Vormoderne

 

Abstracts (scroll down for English version)

Die Sektion untersucht anhand verschiedener religiöser Gruppen, Regionen und Epochen religiöses Wissen als Referenzebene für die Auseinandersetzung mit der Transformation sozialer und kultureller Ordnungen an der Schwelle zur Moderne. Die Vorträge beschäftigen sich mit dem Wandel religiöser Semantiken und Praktiken und der Bedeutung von Vertrautem für die Auseinandersetzung mit und Akzeptanz von gesellschaftlichen Umbrüchen. Dabei geht die Sektion der Frage nach, ob und wie Religion bzw. die Anrufung religiöser Traditionen für unterschiedliche soziale Gruppen zur Resillienzressource wurde und inwieweit hierdurch die Produktion neuen sozialen Wissens begünstigte wurde. Damit einher geht die Frage, ob Religion und religiöses Wissen nicht zugleich zum Ausgangspunkt sozialer Innovation wurden.

Diese und ähnliche Fragen hat die Geschichtswissenschaft unter dem Diktum der Säkularisierungsthese lange vernachlässigt. Mit der Hinwendung zu einer Kulturgeschichte von Religion bzw. Religiosität und einer auf ‚Gesellschaft’ gerichteten Geschichte des Wissens hat sich das Forschungsinteresse deutlich erweitert. Es geht nicht mehr nur um die Beharrungskraft, sondern auch um die Wandlungsfähigkeit und Erneuerungspotenziale des Religiösen in der Moderne.

Für die Formierung religiösen Wissens in der Moderne sind zwei Momente wesentlich: Erstens der Wandel der Stellung von Religion und religiösen Autoritäten zu Staat und Gesellschaft, aus dem weitreichende Individualisierungs-, Differenzierungs- und Pluralisierungsprozessen folgten. Zweitens die Herausbildung neuer Wissensordnungen, bedingt durch Universalisierung und Systematisierung, Rationalität und Kritik. Hierauf gründen die moderne Wissenschaft und ein gänzlich neues Verständnis von Erziehung und Bildung. Nicht von ungefähr wurde das Erziehungs- und Bildungswesen in Europa wie in seinen Kolonien bzw. kolonial geprägten Regionen zum zentralen Handlungs- und Verhandlungsfeld gesellschaftlicher Transformation.

 

Simone Lässig, Washington DC:
Religion, Wissen und Resilienz: Zur Wandlungsfähigkeit sozialer Gruppen im Angesicht der Moderne
In ihrer Einführung zur Sektion erörtert Simone Lässig das Erkenntnispotenzial, das aus der Verschränkung historischer Forschung zu Religion und Religiosität mit wissens- und bildungsgeschichtlichen Fragenstellungen erwächst. Dabei wird die Frage diskutiert, wie religiöse Gruppen auf den tiefgreifen Wandel von sozialen Strukturen, Wissensordnungen und kulturellen Praktiken reagierten, wie sie diesen zu gestalten versuchten, und welche Rolle der Rückgriff auf vermeintlich vertraute religiöse  Traditions- und Wissensbestände als Resilienzressource und Innovationspotenzial für soziale Gruppen in Transformationsprozessen spielte.

 

Kerstin von der Krone, Washington:
Alte und neue Wissensordnungen in der deutsch-jüdischen Geschichte
Kerstin von der Krone widmet sich dem deutschsprachigen Judentum der „Sattelzeit“; einer Periode, in der sich vor dem Hintergrund eines umfassenden und nahezu alle Lebensbereiche betreffenden sozio-kulturellen Wandels auch die strukturellen und konzeptionellen Fundamente jüdischer Erziehung und Gelehrsamkeit durchgreifend änderten. Die Erneuerung bestehender und Schaffung neuer Institutionen des Lehrens und Lernen, die Adaption moderner Lehrmethoden, die Integration neuer, dem Judentum letztlich fremder Lehrinhalte und die Auseinandersetzung mit nicht-religiösen Denk- und Deutungskategorien bedingten eine Differenzierung und Pluralisierung religiöser Wissensordnungen. Hierzu zählte nicht nur ein grundlegender Wandel der Methoden und Strukturen jüdischer Gelehrsamkeit und eine Professionalisierung der Rabbinerausbildung, sondern auch die Herausbildung einer in inhaltlicher wie formeller Hinsicht neuartigen religiösen Erziehung, einschließlich der Etablierung eines modernen jüdischen Religionsunterrichts. Dieser erfolgte sowohl in reformierten jüdischen Schulen, die ein umfassendes, um neue Lehrinhalte erweitertes Unterrichtsprogramm offerierten als auch in ergänzenden Religionsschulen, welche jene jüdischen Kinder erreichen sollten, die in zunehmende Maße  öffentliche, d.h. christliche Schulen und dort keinen jüdischen Religionsunterricht erhielten. Die Vermittlung religiösen Wissens —in Schule, Gemeinde und Familie — erfuhr vor diesem Hintergrund grundlegende Veränderungen und war zugleich untrennbar verbunden mit den vielfältigen, oft widerstreitenden Versuchen der Re-Definition des Judentums in der Moderne. Der Vortrag daher im Besonderen der Frage nachgehen, inwieweit die religiös-kulturellen ‚Traditionen’ des Judentums zur Referenzebene für die Formierung neuartiger ‚jüdischer’ Wissensordnungen wurden.

 

Anthony Steinhoff, Montreal:
Religiöses Wissen im Grenzland: Religionsunterricht und akademische Theologie in Elsaß-Lothringen, 1870-1914
Neuere Forschungen zu den europäischen Kulturkämpfen des späten 19. Jahrhunderts haben zu Recht die Bedeutung des Schulwesens hervorgehoben. Diese Forschungen befassen sich dabei zunächst mit der Frage, welche Zweck Schule dienen sollte, Christen oder Staatsbürger hervorzubringen. Zugleich wird betont, dass liberale und antiklerikale Kräfte in ihrer Forderung nach einem staatlichen Schulwesen und der Beschneidung kirchlicher Vorrechte, die Relevanz des schulischen Religionsunterrichts und religiös fundierten Wissens in der Moderne in Frage stellten.
Diese Perspektive lässt zwei zentrale Dimensionen der sozio-kulturellen Landschaft Europas des 19. Jahrhunderts außen vor: Erstens, wird die Bedeutung von Religion im Allgemeinen wie für die Wissensproduktion im späten 19. Jahrhundert unterschätzt, vor allem in Bezug auf das „protestantische“ Deutschland und Großbritannien. Zweitens wird übersehen, wie sehr religiöse Gemeinschaften mittels des Schulwesens Glaubensinhalte vermittelten und „religiöses Wissens“ verbreiteten.
Ausgehend hiervon beleuchtet der Vortrag die Entwicklung in Elsass-Lothringen nach Angliederung an das Deutsche Reich im Jahre 1871 und die hierauf folgende Reform des schulischen Religionsunterrichts und die Neustrukturierung der Protestantischen Theologie an der Universität Straßburg. In Folge dessen sahen sich Katholiken, Protestanten und Juden mit einem Wandel religiöser Wissensbestände konfrontiert, der neue Vorstellungen vom Verhältnis von Glaube und Wissen hervorbrachte. Der deutsche Staat propagierte eine Modernisierung (Germanisierung) und erkannte doch die Bedeutung von Religion und religiösem Wissen im Rahmen seiner Bildungspolitik an. Die Religionsgemeinschaften betrauerten wiederum den Verlust an Vorrechten im Bildungswesen und waren doch in der Lage, schulische Bildung und die Formierung religiöser Identität weiterhin zu verknüpfen, teils auch indem sie selbst eine Modernisierung von Curricula vorantrieben, wie etwa die Protestanten.

 

Jana Tschurenev, Göttingen:
Religion und Sozialreform im kolonialen Indien: Anti-Kasten-Bewegung, Feminismus und die Kritik des „Hinduismus“
Jana Tschurenev untersucht das Verhältnis von religiöser Identitätsbildung und individueller Konversion mit sozialpolitischen Auseinandersetzungen im kolonialen Indien. Im Laufe des 19. Jahrhunderts kam es zu eine Neukonstitution des „Hinduismus“, gewissermaßen nach christlich-protestantischem Vorbild und schließlich zu verschiedene Versuchen, sich als eine der „Weltreligionen“ international zu positionieren. Gleichzeitig formieren sich Gegenbewegungen, die vor dem Hintergrund liberaler politischer Ideen brahmanische Ordnungsvorstellungen – oft zusammengefasst als varnashrama dharma – ablehnten. KritikerInnen bestehender Kasten- und Geschlechterhierarchien forderten dabei nicht nur das Ende männlich-brahmanischer Bildungsprivilegien: auch Frauen und „niedrigkastige“ Shudras und „Unberührbare“ sollten den Sanskrit-Kanon studieren dürfen und Zugang zu moderner Bildung erhalten. Wie der Beitrag zeigen wird, kam Auseinandersetzungen um religiöse Ideen und Identitäten dabei eine zentrale Bedeutung zu. Während Jotirao Phule, prominenter Vertreter der Anti-Kasten Bewegung, den „Brahmanismus“ ablehnte und ein strategisches Verhältnis zur Frage religiöser Zugehörigkeit vorschlug, konvertierte die international bekannte Bildungsaktivistin und Sozialreformerin Pandita Ramabai zum Christentum, ohne jedoch ihre Identität als „Inderin“ und Vertreterin einer hochkastigen Sanskrit-Kultur aufzugeben. Der Beitrag wird solchen komplexen Verortungstrategien und den sozialpolitischen Konflikten, in denen diese stattfanden, nachgehen. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, so wird gezeigt, spitzten sich die Auseinandersetzungen zu: die Ablehnung konservativer Hindu-Normen wurde zum Verrat an der sich formierenden Nation. Gleichzeitig nahmen sowohl KritikerInnen als auch VertreterInnen des „Hinduismus“ bzw. der Hindu-Gesellschaft zunehmend auf die entstehende Weltöffentlichkeit Bezug.

 

Hedwig Röckelein, Göttingen:
Wissensordnungen und Religion aus der Sicht der Moderne und der Vormoderne: ein Kommentar
Der Kommentar von Hedwig Röckelein wird erstens die Vorträge auf dem Hintergrund der wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzung mit Religion im Europa des 19. Jahrhunderts historisieren; zweitens sich mit der Zurückweisung des Modernisierungs- und Säkularisierungsparadigmas für die Moderne in Bezug auf Religion und das Religiöse auseinandersetzen und drittens das Verhältnis von Religion und Wissen, Bildung und Erziehung zu Staat und Gesellschaft aus dem Blickwinkel vormoderner europäischer und mediterraner Gesellschaften als Kontrastfolie für die Entwicklungen im 19. Jahrhundert beleuchten.

 

Abstracts (English version)

Simone Lässig, Washington, DC:
Religion, Knowledge, and Resilience: On the Ability of Social Groups to Change in the Face of Modernity
In her introduction to the session, Simone Lässig will discuss the potential gains in understanding through the intersection of the history of knowledge and education with the history of religion and religiosity. She will take up the question of how religious groups react to and try to shape fundamental changes in social structures, knowledge orders, and cultural practices. She will also consider recourse to familiar religious knowledge and traditions as a source of resilience and as a basis for innovation for groups experiencing social change.

 

Kerstin von der Krone, Braunschweig:
Old and New Knowledge Orders in German-Jewish History
Kerstin von der Krone will focus on German-speaking Jews during the Sattelzeit, the period of transition from the premodern to modern eras (c. 1750–1850). During this period, against the background of social change extending to almost every facet of life, Jewish education and ideas of learning underwent fundamental conceptual and structural change. The updating of existing institutions of learning and the creation of new institutions, the adaptation of modern teaching methods, the integration of new subject matter that was alien to Jewry, and the coming to terms with non-religious thought and categories of thought shaped a differentiation and pluralization of the religious knowledge order. This change was not limited to a fundamental change in the methods and structures of Jewish learning and the professionalization of rabbinical training. It also entailed the creation of a new approach to Jewish religious education that was modern both in form and content. The transmission of religious knowledge – in the school, in the congregation, and in the family – underwent fundamental change and was inextricably bound up with attempts to redefine Judaism in the modern era. The paper will thus give particular attention to the question of how far Jewish religious tradition served as a point of reference in the formation of a new Jewish order of knowledge.

 

 

Anthony Steinhoff, Montreal:
Religious Knowledge on the Imperial Frontier: Religious Education and Academic Theology in Alsace-Lorraine, 1870-1914
Recent research on the late nineteenth-century European culture wars has underscored the centrality of schools and schooling in these conflicts. Yet, it also tends to frame the basic question in these debates as follows: should the modern school serve to form Christians or citizens? Namely, while liberals and anticlericals claimed schooling as a central state concern, rather than an ecclesiastical prerogative, they also challenged the place of religious education in school curricula and the contemporary relevance of religious-based knowledge.
This paper suggests that this perspective obscures critical dimensions of late nineteenth-century Europe’s socio-cultural landscape. It underestimates religion’s important and ongoing contributions to knowledge production, especially in “Protestant” Germany and Great Britain. It also overlooks the high degree to which religious communities continued to rely on schools and schooling to promote faith and the dissemination of religious knowledge.
Specifically, the paper explores the debates over the Alsatian primary and secondary schools’ religious education programs as well as the restructuring of the University of Strasbourg’s program in Protestant theology following Alsace-Lorraine’s incorporation in to the German Empire. As the local Catholic, Protestant and Jewish communities quickly understood, these developments altered how religious knowledge was produced and prompted new ideas about the relationship between faith and knowledge. The German state certainly promoted a modernizing and Germanizing agenda there; nevertheless, its educational policies admitted religion’s and religious knowledge’s importance. Likewise, while the Alsatian Catholic, Protestant and Jewish communities bemoaned their reduced influence over education, they continued to link schooling to religious identity formation. Alsatian Protestants even sought to enhance these ties by promoting curricular modernization in the schools and at the university.

 

Jana Tschurenev, Göttingen:
Religion and Social Reform in Colonial India: The Anti-Caste Movement, Feminism, and the Critique of „Hinduism“
Jana Tschurenev will examine the relationship between religious identity and socio-political engagement in colonial India. Over the course of the nineteenth century, “Hinduism“ underwent a profound reconstitution, seeking to position itself internationally as a “world religion“patterned on the model of Protestant Christianity At the same time, several counter-movements arose, which, influenced by liberal political ideas, rejected the Brahmanical, or high-caste, conceptions of social order commonly referred to as varnashrama dharma. Critics of existing caste and gender hierarchies demanded the opening up of education – in both the Sanskrit canon and in modern subjects – to women, “lower caste“ Shudras, and “untouchables.“ In the process, as the paper will show, the engagement with religious ideas and identities took on central importance. Whereas Jotirao Phule, a prominent figure in the anti-caste movement, rejected “Brahmanism“ and proposed a strategic position on the issue of religious identity, Pandita Ramabai, an internationally renowned activist for educational and social reform, converted to Christianity but without abandoning her identity as an “Indian“ grounded in high-caste Sanskrit culture. The paper will examine these complex positioning strategies and the socio-political conflicts in which they were employed. Toward the end of the nineteenth century, the situation became more heated: the rejection of conservative Hindu norms was taken as a form of treason to the nation that was taking shape. Such accusations of collaboration with the imperial project still frame the confrontation of Hindu nationalism and oppositional, particularly Dalit and feminist movements, until today.

 

Esther Möller, Mainz:
Transnational Dimensions of Religious and Cultural Knowledge in the Late Colonial Middle East
Esther Möller’s paper will explore the transnational dimensions of religious and colonial knowledge in the Middle East. She will analyze the educational institutions the French established in Lebanon while it was a part of the Syrian province of the Ottoman Empire and, in turn, after it had been made a French mandate by the League of Nations. In addition to Catholic schools, the French also opened Protestant, Jewish, and secular educational institutions. Many Lebanese families made use of French-founded schools. Although widely praised, French schools also came under criticism from the local population. Through the schools, distinct transnational communities of knowledge came into being in which the issue of religious knowledge played an important role. There was considerable agreement and reciprocal exchange on religious values between Lebanese Christians and French Christian schools. Muslim students attending French Christian and secular schools and their parents, on the other hand, were of widely varying opinions on the religious knowledge transmitted in those institutions. With the strengthening of colonial structures during the mandate period, these interconnections were transformed, leading to new practices by schools in disseminating religious knowledge – precisely at the time that negotiations on Lebanese independence were underway. Esther Möller’s paper examines the potential benefits and risks of those new practices. The special Franco-Lebanese relationship will be considered in connection with the (post-) colonial educational situation in other Middle Eastern countries.

 

Hedwig Röckelein, Göttingen:
Knowledge Orders and Religion, Modern and Premodern: A Commentary
Hedwig Röckelein’s commentary will, first, set the papers in the historical context of the intellectual and political engagement with religion in Europe during the nineteenth century. Second, it will consider the rejection of the modernization and secularization paradigms in regard to religion and religiosity in the modern era. Third, it will cast light on the relationship of religion, knowledge, and education to state and society by setting conditions in premodern European and Mediterranean societies in contrast to developments in the nineteenth century.