Wie schreiben wir Migrationsgeschichte? Deutungsmacht und Partizipation in der historischen Wissensproduktion
Der reflexiven Migrationsforschung fehlt oft die historische Perspektive; in der historischen Migrationsforschung wird derzeit eine reflexive Wende vollzogen. Hier setzt das Podium an und fragt danach, wer migrationshistorisches Wissen produziert, welche Perspektiven (re)produziert werden und wer die Sprechposition innehat. In der Migrationsgeschichte liegt die Deutungsmacht bei Historiker:innen, die relativ selten migrantische Bezüge haben. Menschen mit transnationalen und (post)migrantischen Biografien sind meist der Untersuchungsgegenstand, Formen der Beteiligung am Forschungsprozess mit seinen Entscheidungen und Begriffsbildungen selten. Dabei könnte ihr Wissen, das oft über Erfahrungen von Minderheiten und Diskriminierung hinausgeht, besonders für die Zeitgeschichte wertvolle Erkenntnisse über Gesellschaften und Machtstrukturen liefern. Dieses findet aber kaum Eingang in die Heuristik von Historiker:innen, zumal entsprechende Quellen in den öffentlichen Archiven selten sind. Ziel des Podiums ist es, auszuloten, inwieweit Partizipation nicht nur für öffentliche Geschichtsarbeit, Didaktik und benachbarte Fächer relevant ist, sondern stärker in die (zeit)historische Forschung selbst integriert werden sollte. Im Hintergrund liegt die grundsätzliche Frage nach dem Verhältnis von wissenschaftlicher Forschung und zivilgesellschaftlichen Engagement sowie konkret die Frage, ob es nicht längst überfällig ist, die historische Forschung durch mehr Perspektiven und Wissen zu erweitern, zumal die Reflexion von Standortgebundenheit zum methodischen Konsens im Fach gehört.
Das Podium wird von den Moderatorinnen eröffnet, die knapp in die oben skizzierte Problematik sowie in das interdisziplinäre Setting einführen. Im Anschluss berichten drei Expertinnen aus der Oral History, der Museumsarbeit und der Kulturanthropologie in Impulsvorträgen von ihren Erfahrungen mit reflexiven und partizipativen Forschungsansätzen und sprechen über das Verhältnis von Teilhabeansprüchen und Wissenschaftlichkeit. In der anschließenden moderierten Fragerunde von 45 Minuten werden, ausgehend von der bestehenden Partizipationspraxis in diesen Bereichen, die Chancen und Herausforderungen partizipativer Ansätze für die Geschichtswissenschaft diskutiert: Was kann die historischen Migrationsforschung von diesen Nachbarbereichen lernen? Wie können kollaborative Forschungsprozesse konkret ablaufen? Welche methodischen und forschungsethischen Fragen stellen sich dabei? Rücken dadurch auch neue Quellen und Archive in den Blick und kann bestehendes Material neu gelesen werden? Welche Rolle spielt die Idee von wissenschaftlicher Distanz in partizipativen Projekten? Und inwieweit verändern sich nicht zuletzt die Rolle und Autorität der Historiker:in? Im Anschluss werden die Gäste im Plenum eingeladen, durch Fragen und Kommentare die Übertragbarkeit von Partizipationsansätzen auf die zeitgeschichtliche Migrationsforschung zu diskutieren.
Die Impulsvorträge und die Moderation gestalten Dr. Caroline Authaler, die das Projekt „Meinwanderungsland“ beim Migrationsmuseum DOMiD leitete und derzeit das partizipative Projekt „Migrationsgesellschaft Bielefeld“ entwickelt, Dr. Carolin Liebisch-Gümüş, die zur Geschichte von Fluchtwegen und Infrastrukturen der Migration forscht, und Prof. Dr. Lale Yildirim, Mitbegründerin des SFB 1604 „Produktion von Migration“.
Dr. Angela Jannelli ist Kuratorin am Historischen Museum Frankfurt. Seit 2010 erarbeitet sie Ausstellungen in der partizipativen „Stadtlabor“-Reihe, seit 2012 leitet sie die “Bibliothek der Generationen”, ein künstlerisches Langzeit-Erinnerungsprojekt von Sigrid Sigurdsson. In ihrer wegweisenden kollaborativen Forschungsarbeit im Museum entwickelt sie Methoden und Formate, um unbewusstes, emotionales und erfahrungsbasiertes Wissen – insbesondere das marginalisierter Gruppen – bewusst und sichtbar zu machen und möglichst in ein vielschichtiges Verständnis der Gesellschaft zu integrieren.
Prof. Dr. Sabine Hess ist Professorin am Institut für Kulturanthropologie an der Universität Göttingen und zählt zu Deutschlands führenden Migrationsforscherinnen. Mit dem Archivprojekt „Versammeln antirassistischer Kämpfe“ entwickelt sie Methoden, wie Geschichten und Subjektivitäten des Widerstands vor dem Hintergrund einer epistemischen „normative superstructure“ des Ignorierens von Rassismus in Deutschland rekonstruiert werden können.
Elisabeth Kimmerle ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. In ihrer Dissertation hat sie politische Räume von Migrantinnen aus der Türkei in West-Berlin zwischen 1961 und 1990 aus einer akteurszentrierten Perspektive untersucht. Dabei hat sie sich intensiv mit der Frage auseinandergesetzt, was ein akteurszentrierter Zugang methodisch und forschungsethisch im Archiv und in der Arbeit mit Zeitzeuginnen bedeutet – und wie sich diese kollaborativ gestalten lässt.