Sebastian Barsch, Andreas Hübner (Sektionsleitung)

Von der Konjunktur zur Machtkritik. Historisches Lernen und Denken im Anthropozän

Themen: Zeitgeschichte, Geschichtsdidaktik, Geschichtsmethodik/-theorie
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 3
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Das Anthropozän hat Konjunktur. Geschichtswissenschaft und Geschichtsdidaktik stellen hierbei keine Ausnahme dar. Abgesehen von Impulsgeber:innen wie Paul Crutzen und Eugene Stoermer sowie Dipesh Chakrabarty befassen sich mittlerweile eine Reihe von Historiker:innen und Geschichtsdidaktiker:innen mit „dem“ Anthropozän. Dabei wird der Begriff des Anthropozäns nicht selten auf ein „altbewährtes“ wie konsensfähiges Diktum reduziert: „der Mensch [trete] nunmehr“, so ist in Anschluss an Crutzen und Stroemer zu lesen, „als geologische Einflussgröße und damit als globaler, erdgeschichtlicher wie auch existenzbedrohender (Risiko-)Faktor [auf]“ (Hübner/Nitsche/Barsch 2023, 85). Das Anthropozän wird auf diesem Wege einerseits auf den kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert, mutiert andererseits jedoch zu einem Containerbegriff. So gerät nicht nur aus dem Blick, dass das Anthropozän als geologischer Epochenbegriff den umfassenden Wandel der Geosphäre erfasst (Antweiler 2021), sondern auch, dass der Begriff durchaus machtkritisch zu hinterfragen ist und die Diskussionen um den Terminus gewissen Machtdynamiken unterliegen.

In der Podiumsdiskussion werden wir uns dem Begriff des Anthropozäns aus geschichtsdidaktischer Perspektiven machtkritisch nähern und dadurch die Potentiale sowie Fallstricke des Anthropozänbegriffs für das historische Lernen und Denken schärfer konturieren. Wir widmen uns damit einer Herausforderung für das historische Lernen und Denken, die derzeit nicht nur im deutschsprachigen Raum, sondern auch international von Geschichtsdidaktik und History Education sowie darüber hinaus in der (internationalen) Geschichtswissenschaft virulent diskutiert wird. Dabei haben wir nach einer Einführung drei Diskussionsbereiche identifiziert, die mit Bezug auf das Anthropozän den Umgang und die Wirkung von Macht und Machtverhältnissen historisieren und dabei vor allem die Felder (Einführung) Anthropozentrismen, Eurozentrismen und globale Ungleichheiten, (1) menschliche und nichtmenschliche Agency, (2) Diversität und Inklusion sowie (3) Macht, Wissen und Wissensproduktion fokussieren werden.

Machtdynamiken des Anthropozäns
Sebastian Barsch (Köln), Andreas Hübner (Kiel)

Anthropozentrismen, Eurozentrismen und globale Ungleichheiten (Einführung): Zuletzt traten substantielle Kritikpunkte an einer allzu arglosen Verwendung des Anthropozänbegriffs zutage. So sei das Anthropozän ein selbstreferentielles Konstrukt und der Begriff „ein Ergebnis des Handelns machtvoller Akteure einer globalen Ökonomie und Politik“ (Gebhardt 2016, 38). Die Geschichtsdidaktik muss eine solche Kritik ernst nehmen und auf theoretischer Ebene reflektieren. Ansonsten könnten durch eine allzu naive Implementation des Anthropozänbegriffs im Bereich des historischen Lernens und Denkens altbekannte Anthropozentrismen, Eurozentrismen und globale Ungleichheiten perpetuiert werden.

Menschliche und nichtmenschliche Agency
Martin Nitsche (Aarau)

Die geschichtsdidaktische Auseinandersetzung mit dem Anthropozän steht erst am Anfang. Dabei ist eine Herausforderung darin zu sehen, dass es nicht einfach als Thema wie die Umweltgeschichte behandelt werden kann, bei dem der thematische Umgang der Lernenden reflektiert und beforscht werden könnte. Vielmehr stellt das Konzept die Geschichtsdidaktik per se infrage, da die Trennung zwischen Mensch- und Naturgeschichte zur Disposition steht. Vor diesem Hintergrund ist zu diskutieren, wie die geschichtsdidaktische Auseinandersetzung darauf zielen kann, die Grundlagen etwa zu historischem Denken, Lernen, Erzählen oder den Prinzipien guten Geschichtsunterrichts kritisch zu beleuchten.

Inklusion und Anthropozän
Susanne Popp (Augsburg)

Im naturwissenschaftlichen Begriff des Anthropozäns gilt der Mensch als machtvoller geologischer Faktor – als Spezies neben anderen Spezies und als Teil von Biosphäre und Erdsystem. Die geschichtsdidaktische Auseinandersetzung mit diesem Konzept stellt Fragen nach den historischen Prozessen, die zu dieser Konstellation führten, sowie nach den Perspektiven zukünftigen und zukunftsbezogenen Handelns. Dabei rücken nicht nur Fragen sozialer, ökonomischer und ökologischer Gerechtigkeit sowie historische Verantwortung innerhalb globaler Machtverhältnisse in den Fokus, sondern auch der Implikationen anthropozentrischen historischen Denkens.

Inklusive und diversitätssensible Perspektiven, die hegemoniale Narrative kritisch hinterfragen und marginalisierte Stimmen sowie alternative Wissens- und Geschichtsverständnisse einbeziehen, werden in diesem Zusammenhang zentral (vgl. auch BNE, Agenda 2030). Der Beitrag fragt nach der vielschichtigen Bedeutung der Prinzipien von Diversitätssensibilität und Inklusion für ein historisches Lernen über das Anthropozän und im Anthropozän – und nach den Potenzialen eines transformativen historischen Lernens, das Teilhabe, Perspektivenvielfalt, Kritik an anthropozentrischer Verengung und Zukunftsorientierung systematisch miteinander verbindet.

Macht, Wissen und Anthropozän
Fabienne Will (München)

Erörtert werden soll das Verhältnis von Macht, Wissen und Handlungsfähigkeit und damit verbunden die Frage, ob der Fokus auf disziplinäres Wissen ausreichend ist, um die Komplexität des Anthropozäns angemessen verstehen zu können oder nicht vielmehr das Zusammenspiel verschiedener Wissensdimensionen von Anfang an im Mittelpunkt stehen sollte. Kurz: Welche Machtdynamiken sind zu beachten, welches Wissen ist wichtig in Zeiten einer globalen Krise, bei der naturwissenschaftliche Wirkmechanismen ebenso wie menschliches Handeln das soziale Leben prägen?

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