Manuel Borutta, Ulrich Gotter, Daniel G. König (Sektionsleitung)

(Post)imperiale Infrastrukturen. Der Mittelmeerraum in transepochaler Perspektive

Thema: Epochenübergreifend
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 3
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Imperien wie das römische oder das osmanische Reich haben den Mittelmeerraum maßgeblich geprägt. Dennoch spielt das Thema imperialer Macht in den „New Mediterranean Studies“ keine prominente Rolle. Umgekehrt ist der poströmische Mittelmeerraum in der „New Imperial History“ nicht zentral, obgleich die arabisch-islamische Expansion und der europäische Kolonialismus die kulturellen und religiösen Konstellationen, politischen und wirtschaftlichen Strukturen der Region stark veränderten. 

Vor diesem Hintergrund untersucht die Sektion (post)imperiale Infrastrukturen des Mittelmeerraumes in transepochaler Perspektive: Mit Blick auf Antike, Mittelalter und Moderne fragt sie, (1) wie imperiale Infrastrukturen entstanden, (2) die Region veränderten, (3) auf andere Teile der Welt ausstrahlten und (4) nach der Auflösung von Imperien fortwirkten. Im Zentrum steht das Problem der (post)imperialen Organisation von Herrschaft und Differenz, der Erschließung von Ressourcen und der Verteilung von Macht. 

Ziel der Sektion ist es, durch einen diachronen Vergleich (post)imperialer Infrastrukturen des Mittelmeerraumes Epochen übergreifende Dynamiken von Macht herauszuarbeiten. Das Mediterraneum wird dabei als vormodernes Labor maritimer Konnektivität gefasst, in dem Afrika, Asien und Europa bereits vor der neuzeitlichen Globalisierung eng vernetzt waren und in dem sich die Grenzen von Herrschaft und Siedlung, Handel, Kultur und Religion seither immer wieder verschoben – zumal durch Prozesse imperialer Expansion und Kontraktion. In globalhistorischer Perspektive stellt sich dabei die Frage, inwiefern diese für den Mittelmeerraum gewonnenen Erkenntnisse auf andere Weltregionen übertragbar sind. 

Die Sektion beginnt (1) mit einer kurzen Einführung in das Thema (5 Minuten), liefert (2) drei epochenspezifische Fallstudien (jeweils 15 Minuten) und mündet (3) in eine Diskussion (40 Minuten). 

Das Mare Nostrum als Game Changer (2. Jahrhundert v.Chr.–6. Jahrhundert n.Chr.)
Ulrich Gotter (Konstanz)

Das römische Reich ist das einzige mediterrane Imperium, das das Mittelmeer vollständig beherrschte. Die Kontrolle des Mare Nostrum erforderte den Aufbau enormer Infrastrukturen und erwies sich gleichzeitig als ein sich selbst verstärkender Prozess. Nur mit der Transformation des Meeres in einen sicheren Wirtschaftsraum waren die Kosten des Imperiums finanzierbar und die Dividenden der Imperialisierung spürbar. Auch die transmediterranen Kapazitäten des Imperium Romanum (Indienhandel, Dominanz über das Rote Meer) hingen davon ab. Umgekehrt löste der Verlust der Herrschaft über das Mittelmeer einen sich selbst verstärkenden Prozess der imperialen Erosion aus. 

Islamisches Recht und die Ordnung des poströmischen Mittelmeerraumes (7.–14. Jahrhundert)
Daniel G. König (München)

Mit der arabisch-islamischen Expansion des 7.-8. Jahrhunderts entstand kurzfristig ein imperialer Raum. Auf der Basis römischer und sassanidischer Vorläufer etablierte er neue sprachliche, religiöse und rechtliche Standards, bevor er politisch auseinanderfiel. Diese fanden ab dem 8. Jahrhundert Niederschlag in zunehmend systematisierten Kompilationen islamischen Rechts. Mit den hegemonialen Ordnungssystemen dhimma und amān versuchten muslimische Rechtsgelehrte, sowohl die interne interreligiöse Kommunikation als auch die (kommerziellen) Außenbeziehungen zu regulieren. Im Angesicht interner und externer Herausforderungen gestalteten sie damit über Jahrhunderte die transmediterranen Beziehungen. 

Die Macht der Peripherie. Algerien, Frankreich und Korsika (19./20. Jahrhundert)
Manuel Borutta (Konstanz)

Die französische Eroberung Algiers beendete die muslimische Piraterie im Mittelmeer. Ein neues System mediterraner Konnektivität auf Basis moderner Technologien des Verkehrs und der Kommunikation rückte Frankreichs mediterrane Peripherien (Marseille, Midi, Korsika) vom Rand der Nation ins Zentrum eines globalen Imperiums. Die Nutzung der imperialen Infrastrukturen durch mediterrane Akteure wirkte ambivalent: Sie ermöglichte nicht nur die Stärkung des Zentrums der Metropole, sondern auch die Subversion und Inversion der Ordnung durch mediterrane Ränder. Diese Macht der Peripherie über das Zentrum zeigte sich noch in der Auflösung des Imperiums und seiner Verwandlung in einen Nationalstaat. 

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