Anna Veronika Wendland (Sektionsleitung)

Machttechnik und Technikmacht im Krieg

Thema: Zeitgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 4
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Die Sektion ist an der Schnittstelle von Zeitgeschichte, Security Studies und Technikforschung angesiedelt. Ihr Ziel ist es, Fragen der Dynamiken von Macht und Technik zu diskutieren, die mit der Wiederkehr des Krieges nach Europa neu gestellt werden. Als Fallbeispiele wählen wir die techné der Machtausübung und die materielle, symbolische und kommunikative Rolle von Militär- und Kerntechnik im russisch-ukrainischen Krieg, aber auch unsere Periodisierungs- und Sehgewohnheiten beim Betrachten dieser Phänomene. 

Machttechniken: Gibt es eine Wiederkehr des Krieges als „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ in Europa – oder war er nie weg, vor allem wenn wir den Blick aufs östliche Europa weiten? Welche historischen Zusammenhänge bestehen zwischen Gewalt-Vergemeinschaftung im „Putinismus“ und dem Weg in den Krieg? Wie wird in Kriegen entschieden? Welche Parallelen zu historischen Kriegen gibt es, so zum 2. Weltkrieg und dem Vietnamkrieg?  Technikmacht: Militär- und Kerntechnik spielen im Ukraine-Krieg eine bedeutende Rolle. Aber werden sie auch richtig gedeutet? So wurde die deutsche Debatte über Panzerlieferungen an die Ukraine auch von den Erfahrungen der Panzerschlachten des 2. Weltkrieges und von Ukraine-Klischees informiert, während man vom technologischen Novum der Drohnen-Kriegführung überrascht wurde. Doch die Macht der Technik im Kriege reicht noch viel weiter: Kernkraftwerke werden zu strategisch eingesetzten Gefährdungsorten und Symbolen der Angstkommunikation, IT ist Machtmittel in der Hand von Diktatoren genauso wie Widerstandsmittel ihrer Herausforderer. Technische Experten rücken im aktuellen Krieg in hybride Rollen zwischen Expertenkultur, OSINT-Informationsgewinnung und politischem Aktivismus. 

Das Format sieht ein Podium (90 Minuten) mit lebendiger Rede und Gegenrede und Einbeziehung des Publikums vor. Nach einer kurzen Einführung bieten die Podiumsgäste mit thesenstarken Impulsen aus ihrem Fachgebiet (Osteuropäische Geschichte / Security Studies / Science, Tech & Society Studies / Digital Humanities) frische Perspektiven auf das Verhältnis von Technik und Macht im Krieg, an die sich eine Diskussionsphase von 30 bis 40 Minuten anschließt. 

Einführung
Anna Veronika Wendland (Marburg)
Machttechniken vom 2. Weltkrieg bis zum Ukraine-Krieg (Impulsreferat)
Jan-Claas Behrends (Potsdam/Frankfurt an der Oder)

Der Impuls thematisiert Techniken der Machtausübung und ihren Einfluss auf Entscheidungen über Krieg und Frieden. Dabei geht es nicht nur um die Gewalt-Vergemeinschaftung in Russland und die Machttechniken des Putinismus, sondern auch um zeithistorische Vergleichsperspektiven, z. B. zur „Unfähigkeit aufzuhören“ der USA und zu US-Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg sowie zur Rolle des 2. Weltkriegs in deutschen Debatten über Waffenlieferungen. 

Militärtechnik(en) und ihre Experten. Was entscheidet Kriege? (Impulsreferat)
Gustav Gressel (Wien)

Ausgehend von der Wiederkehr des Krieges als Mittel der Politik fragt dieser Impuls, ob es einen Primat der Waffentechnik in den europäischen Sicherheitsdebatten und –entscheidungen gibt, und welche Rolle militärische Experten (OSINT-Spezialisten, Generale a. D., Milblogger) an der Schnittstelle von Expertentum und politischem Aktivismus spielen. 

Atomkraft im Krieg (Impulsreferat)
Anna Veronika Wendland (Marburg)

Angriffe auf die Infrastrukturen von Industriestaaten sind seit dem Zweiten Weltkrieg ein Merkmal des „totalen“, alle Lebensbereiche umfassenden Krieges. Das hat im Falle des russisch-ukrainischen Krieges weitreichende Konsequenzen. Der Impuls skizziert, wie mit den ukrainischen und russischen Kernkraftwerken im Kriege Macht ausgeübt wird. Sie sind einerseits Symbole nationaler Stärke und Garanten der Stromversorgung, öffnen aber auch dem Gegner Räume für nukleare Erpressung ohne Atomwaffengebrauch. Sie sind Objekte der Angstkommunikation und Verhandlungsmasse im hybriden Krieg, aber auch global relevanter Testfall der Reaktorsicherheit und der Durchsetzungskraft internationaler Organisationen. 

Das Internet als Machttechnik in Belarus (Impulsreferat)
Tatsiana Astrouskaya (Marburg)

Der Impuls diskutiert die die Rolle von Medientechnologien im „adaptiven Autoritarismus“ (Frear 2019) in Belarus. Nachdem neue Medien und soziale Netzwerke bei den friedlichen Protesten gegen Wahlfälschung eine signifikante Rolle spielten, rückte ihre Kontrolle und offensive Nutzung für Propagandazwecke in den Mittelpunkt der Machttechnik des Regimes. Dies wird durch den russischen Krieg gegen die Ukraine, an dem Belarus als Aufmarschraum Russlands beteiligt ist, noch verstärkt. Das Regime manövriert dabei zwischen dem Nutzen der IT-Innovationen für seine eigenen Zwecke und den Risiken einer demokratisierten Kommunikation, zwischen westlicher und russisch-chinesischer Technologie. 

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