Moritz Hinsch, Leonard Horsch (Sektionsleitung)

Dynamiken der Ohnmacht? Briefe als Medium der Macht in kollektiv regierten Regimen

Themen: Frühe Neuzeit, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte, Mittelalterliche Geschichte, Epochenübergreifend
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 4
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Wie nie zuvor ermöglicht die moderne Kommunikationstechnologie, die Dynamiken der Macht gegen physische Abwesenheit abzusichern. Die Simultanität der Kommunikation im Internetzeitalter schürt dabei zugleich die Furcht vor Kontrollverlust, etwa in Form von Fake News und überstürzten Reaktionen in politischen Krisen. In vormodernen Gesellschaften war es hingegen gerade die Zeitverzögerung bei Kommunikation, die Dynamiken der Macht gefährdete. Der Blick zurück bietet Gelegenheit, die Besonderheiten von Medien der Macht vergleichend zu reflektieren. 

Vormoderne Gesellschaften handelten Rang, Mitbestimmung und Vertrauen bevorzugt unter Anwesenden aus. Dem Zwang zur Präsenz unterlagen besonders die Bürger kollektiv regierter Regime, deren politische Kultur von Versammlungen geprägt war. Macht hatte, wer vor Ort war. Als Individuen fürchteten die Mächtigen die eigene Abwesenheit als Gefährdung ihrer Macht, ohne sie vermeiden zu können. Denn Geld und Prestige erwarb man in Handel oder Diplomatie. In dieser Situation griffen die Akteure zum Brief, um den Kontrollverlust zu kompensieren: für Befehle, Bittschreiben, Information und Desinformation. Briefe waren Machtinstrumente. Als Kollektiv fürchteten die Mächtigen wiederum, dass die Verwendung von Briefen durch Einzelne ihr Regime bedrohte. Sie griffen auf – unvollkommene – Kontrollmaßnahmen zurück. Briefe dynamisierten die Macht ebenso, wie sie diese gefährdeten. 

Politik und Emotionen im Venedig der Renaissance: die Briefe Ludovico Foscarinis (15. Jahrhundert)
Leonard Horsch (München)
Welche Praktiken ermöglichten es, die Defizite persönlicher Abwesenheit mit Briefen zu überwinden?

Die Briefe des venezianischen Adeligen Ludovico Foscarini (1409–1480) reagierten auf ein Dilemma: Nur als Statthalter und Diplomat konnte er mit anderen Adeligen konkurrieren, doch in der Peripherie war er von den Debatten im Dogenpalast abgeschnitten. Dort stimmten Hunderte Adelige oft auf Grundlage von Halbwissen, Vorurteilen und Affekten ab. Der Vortrag zeigt, wie Foscarini seine öffentlichen Briefe an die emotionale Kultur des venezianischen Adels anpasste, um aus der Ferne Einfluss auf die Dynamiken der Macht in Venedig zu nehmen. 

Die Briefe des Arnout Gijsels. Dynamiken der Macht und die Kommunikationskanäle in der niederländischen Ostindienkompanie (17. Jahrhundert)
Susanne Friedrich (Augsburg)
Wie reagierten Individuen auf kollektiv auferlegte Kommunikationsbeschränkungen?

Die niederländische Ostindienkompanie (VOC) unterwarf aus Angst vor dem Verlust über ihre Informationshoheit den Briefverkehr zwischen Asien und Europa engen Vorschriften und die Briefe selbst der Zensur. Neben dem offiziellen Kanal etablierten sich daher inoffizielle Kanäle. Anhand der Briefbücher von Arnout Gijsels aus den Jahren 1631–1637 wird gezeigt, dass es für ehrgeizige Angestellte geradezu notwendig war, Briefe mit unerlaubten Inhalten zu versenden, um soziales und ökonomisches Kapital zu erwerben oder zu bewahren. Es galt, beide Kanäle virtuos zu bespielen. 

Anwesenheit trotz Abwesenheit? Briefe auf Hansetagen
Angela Huang (Lübeck)
Welche strategischen Vorteile boten sich durch die zeitlichen Verzögerungen schriftlicher Kommunikation bei Verhandlungen?

Auf den Versammlungen der Hansetage wurde über 300 Jahre hinweg in Präsenz Macht verhandelt, in Sitzordnungsstreits, konträrer Interessenpolitik und nicht zuletzt durch spätere Anreise, frühere Abreise und allgemein das Spiel mit Ab- und Anwesenheit. Handelt es sich auf den ersten Blick um eine reine Präsenzkultur, begleiten auf den zweiten Blick immer auch Briefe das Geschehen. Der Beitrag beleuchtet den Einsatz von Briefen in den Versammlungen selbst als Instrument der Politik zwischen (Voll-)Macht und Ohnmacht, mit dem die Akteure geschickt Einfluss auf die Verhandlungsdynamik nahmen. 

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