Die (Ohn-)Macht der Machtlosen. Lokale Herrschaft in Mittelalter und Früher Neuzeit
Jüngere Modelle vormoderner Herrschaft wie etwa die Konzepte von akzeptanzorientierter oder konsensualer Herrschaft, des Aushandelns von Herrschaft oder der empowering interactions schreiben Untertanen ein entscheidendes Handlungspotential mit weitreichenden Effekten zu, das gemeinhin als agency bezeichnet wird. Als Antwort auf einseitig als von oben gedachte Herrschaftskonzepte wie etwa das lange Zeit dominierende Sozialdisziplinierungsparadigma haben diese Zugänge von unten das Verständnis von Herrschaft zweifellos bereichert. Eine Sichtweise, die Aushandlungsprozesse als Vollzugsinstrumente von Herrschaft an die Stelle obrigkeitlichen Zwangs stellt, neigt indes dazu, die eklatanten Macht- und Besitzunterschiede zwischen Herrschenden und Beherrschten zu nivellieren und daher die Reziprozität von Herrschaftsbeziehungen übermäßig zu betonen. Zwar wird gern kursorisch auf die Ungleichheit innerhalb der Kommunikationsprozesse hingewiesen, die konkreten Folgen dieser Feststellung für die Aushandlungsprozesse werden jedoch in den Modellen selbst nicht berücksichtigt.
Diese Problematik ist besonders in Grundherrschaften augenfällig, die in den jüngeren Debatten jedoch unterbelichtet sind. Ausgehend von der Prämisse, dass Interaktions- und Kommunikationsprozesse zwischen Grundherrschaften und Untertanen grundsätzlich einen asymmetrischen Charakter besaßen, ist es das Ziel der Sektion, anhand dreier Fallbeispiele aus dem Mittelalter und der Frühen Neuzeit für spezifische lokale Macht- und Herrschaftsgefüge das Spannungsfeld zwischen einer agency der Untertanen und unterschiedlichen Ausprägungen von obrigkeitlicher Zwangsgewalt auszuloten. Dabei soll es keineswegs darum gehen, zu top-down Konzepten zurückzukehren, sondern zu versuchen, Asymmetrien besser in bestehende Modelle zu integrieren.
Nach einer knappen Einführung (5 Minuten) werden in drei Vorträgen (je 12 Minuten), die auf Forschungen zu Habilitationsprojekten beruhen, ausgewählte Aspekte auf Basis von Quellenbefunden thesenhaft zugespitzt und zur Diskussion gestellt. Die Diskussion (45 Minuten) wird von den Vortragenden geleitet.
Die Mittelalterforschung hat im Mitteleuropa des 9. Jahrhunderts traditionell den Höhepunkt der bipartiten Grundherrschaft gesehen, wogegen jüngere Arbeiten das Modell als undifferenziert zurückweisen. Beide Seiten der Debatte fokussieren sich auf Besitzverhältnisse und Dienstverpflichtungen in administrativen Quellen, ohne nicht-materielle Formen der Interaktion wie Messfeiern oder alltägliche Begegnungen zwischen Herrschenden und Beherrschten zu berücksichtigen. Der Vortrag beleuchtet diese Kontaktzonen am Beispiel Burgunds mittels hagiographischer Quellen. Ausgehend von Theorien gemeinsamen Handelns aus der Sozialontologie wird dabei untersucht, wie Herrschaft in dieser Interaktion unbewusst erzeugt und aufrechterhalten wurde.
Handlungsspielräume und -fähigkeiten von ländlichen Untertanen werden häufig an Formen der Widerständigkeit festgemacht und als Triebfeder für Wandel in Stellung gebracht, bspw. als „empowering interactions“. Das übersieht aber die sehr viel zahlreicheren Interaktionen des Herrschaftsalltags (z. B. Leisten von Abgaben, Nutzen des Patrimonialgerichts), die einen gegenteiligen Effekt hatten: sie reproduzierten bestehende Herrschaftsbeziehungen und führten zur Verfestigung der ungleichen Macht- und Ressourcenverteilung, was wiederum die agency der Untertanen begrenzte und die Persistenz der Grundherrschaftsverhältnisse Mitteleuropas mit erklärt. Der Beitrag zeigt diese Zusammenhänge beispielhaft an einer brandenburgischen Grundherrschaft auf.
Mit dem Vordringen des Staates in den ländlichen Raum durch die Schaffung staatlicher Regionalbehörden, durch Eingriffe in die Besitzstruktur, Gerichts- und Verwaltungsorganisation sowie durch die Agrarsozialgesetzgebung vollzog sich in der Habsburgermonarchie im 18. Jahrhundert ein grundlegender Wandel im Untertanenverhältnis. Die Grundherrschaft verblieb zwar das zentrale Ordnungselement des ländlichen Raumes, die Staatsgewalt wurde aber ein immer präsenterer Faktor in den lokalen Herrschaftsbeziehungen. Im Vortrag werden am Beispiel niederösterreichischer Grundherrschaften die komplexen Herrschaftspraktiken vor Ort anhand des Frondienstes, der Steuer- und Abgabeneinhebung und der Soldatenrekrutierung analysiert.