Alkohol – Macht – Leistung. Normierung und Kontrolle des Trinkens seit dem 19. Jahrhundert
Alkoholkonsum ist in Deutschland eine gesellschaftlich akzeptierte, wenn auch nicht unumstrittene Praxis. Die vorgeschlagene Sektion widmet sich dem Zusammenspiel von Normierung und Kontrolle des Trinkens seit dem 19. Jahrhundert und stellt dabei unterschiedliche Formen von Macht ins Zentrum, die durch die Regulierung, Duldung und Förderung des Alkoholkonsums ausgeübt wurden.
Im Umgang mit Alkohol wurden und werden verschiedene Machtinteressen aus den Bereichen Politik, Wirtschaft, Medizin, Religion und Gesellschaft verhandelt. Trinken zu kontrollieren und Trinkende zu disziplinieren hing schließlich seit dem 19. Jahrhundert eng mit Fragen nach Leistungsfähigkeit, -willen und -erhalt zusammen. Das über Alkohol generierte Wissen lieferte in diesen Kontexten die Grundlage für verschiedene Normierungsversuche.
In der Sektion werden Aushandlungsprozesse zwischen den unterschiedlichen Akteursgruppen und deren Normierungs- und (Selbst-)Disziplinierungsstrategien untersucht. Die Beiträge fragen danach, wie, durch wen und warum Wissen über Alkoholkonsum produziert wurde und wie die daraus abgeleiteten Normen instrumentalisiert wurden. Dadurch werden unterschiedliche Machtpraktiken sichtbar, die sich kontinuierlich im Spektrum zwischen Aufklärungsarbeit und Zwang bewegten. Hierbei lassen sich sowohl Kontinuitäten als auch Wandlungsprozesse bezogen auf Normvorstellungen, handlungsleitende Interessen und staatliche wie nicht-staatliche Akteursgruppen bis ins 21. Jahrhundert aufzeigen. Dabei wird ein Bogen gespannt von den ersten Trinkerasylen im 19. Jahrhundert über Selbstdisziplinierung im Nationalsozialismus bis zur jüngsten Zeitgeschichte, in der Alkoholkonsum zum Thema internationaler Public Health Debatten wurde.
Die Sektion beginnt mit einer gemeinsamen Einführung von 10 Minuten, gefolgt von drei Vorträgen zu je 15 Minuten und einer anschließenden Diskussion. Die Beitragenden werden durch eine Moderation von Prof. Dr. Kiran Klaus Patel vorgestellt, der auch die anschließende Diskussion leitet.
Im Verlauf des 19. Jahrhunderts wurde Alkoholkonsum zunehmend medizinisch als Problem bestimmt und normiert. Verschiedene Akteure griffen das medizinische Wissen auf: Abstinenz- und Mäßigungsbewegungen plädierten dafür, Alkoholkonsum stärker einzudämmen, besonders den der Arbeiterschaft. Die Polizei nutzte es, um Männer als „Trunkenbolde“ zu stigmatisieren. Ab Ende des 19. Jahrhunderts wurden Menschen in zunächst kirchlich geführten Trinkerasylen „geheilt“ – erst später ergänzte das medizinische Wissen die religiösen Bemühungen. Der Beitrag zeigt, dass all diese Bestrebungen der Disziplinierung und Kontrolle im Wesentlichen darauf ausgerichtet waren, über Abstinenz die Arbeitsleistung von Trinkern zurückzugewinnen.
Selbstdisziplin und Leistungsfähigkeit waren im NS zwei zentrale Kategorien, die über den Wert und Unwert eines Menschen entschieden. Einem „rassenhygienischen“ Verständnis folgend, wurde Alkoholabhängigkeit als ein sichtbares Merkmal einer erbbiologisch begründeten „Minderwertigkeit“ gesehen. Obwohl sich Adolf Hitler als abstinenter Asket inszenierte, propagierten die Nationalsozialisten mäßigen Alkoholkonsum statt Abstinenz. Im Vortrag werden unterschiedliche Normierungs- und Disziplinierungspraktiken untersucht, die Kontinuitäten und eine Radikalisierung von Exklusionsmechanismen zeigen, welche jedoch auch Präventionsstrategien beinhalteten, die bisher vornehmlich für die Zeit nach 1945 ausgemacht wurden.
Aufbauend auf gegen Alkoholkonsum seit dem 19. Jahrhundert ins Treffen geführten Argumenten setzte ab den späten 1970er Jahren innerhalb der EWG/EU eine Debatte über Alkoholkonsum als gesellschaftlich akzeptierte Praxis einerseits und als Public Health Problem andererseits ein. Der Beitrag untersucht die politischen Auseinandersetzungen auf europäischen Ebenen sowie die Reaktionen der international vernetzten Alkoholbranche. Dabei wird sichtbar, dass divergierende wirtschaftliche und staatliche Interessen zu Hierarchisierungen und Normativierungen von Alkoholkonsum besonders mit Blick auf individuelles Leistungsvermögen beitrugen.