Münster – Anregungen für historisch gesättigte Spaziergänge

Behäbiger Wohlstand, gut bürgerlich, „man kennt sich“, geschichts- und traditionsbewusst und katholisch – das sind einige der für Münster gebrauchten Stereotypen, die dem deutschen Fernsehzuschauer von den Herren Boerne, Thiel und Wilsberg nahegebracht werden. Ein Punkt der Aufzählung stimmt sicherlich: Münster ist eine geschichtsträchtige Stadt. Dies wird dem Besucher an der Selbstetikettierung „Münster – Stadt des westfälischen Friedens“ sofort deutlich. Das Stadtmarketing liegt hier richtig; ein Besuch des Rathauses mit dem Friedenssaal und der neuen Präsentation im Eingangsbereich lohnt sich. Und noch vor kurzem leitete das Friedensthema den Katholikentag, aber auch eine Verbundausstellung mehrerer Museen. Überhaupt: Museen. Gemessen an der Einwohnerzahl Münsters (310.000) ist die Museumslandschaft reichhaltig; sicherlich die bekanntesten Einrichtungen sind das LWL-Museum für Kunst und Kultur (gegenüber dem Dom), das Picasso-Museum und das Stadtmuseum.

Doch Münster ist nicht nur die Stadt des Friedens von 1648. Auch an vielen anderen Orten ist Stadtgeschichte auf Schritt und Tritt gegenwärtig. Der historische Kern der Stadt ist der Dombezirk, denn hier wurde 799 nahe einer Mimigernaford genannten sächsischen Siedlung ein Bistum gegründet; sechs Jahre später wurde der Friese Liudger zum ersten Bischof geweiht. Kaufleute und Gewerbetreibende folgten den frommen Missionaren; die Marktsiedlung mit dem Marktkirche St. Lamberti schmiegte sich am Dombezirk an. Ausbau und Wechselbezüge dieser beiden hochmittelalterlichen Siedlungsinseln können noch heute bei einem Bummel über Domplatz und Roggen-/Prinzipalmarkt erfahren werden. Der Prinzipalmarkt ist heute die gute Stube Münsters. Nach den verheerenden Bombenangriffen des Weltkriegs wurde er wie viele andere zerstörte Gebäude in der Altstadt annähernd vorbildgetreu wiederaufgebaut. Denn im Gegensatz zu anderen Städte ließ man sich im Münster der 1950er Jahre nicht von der Vision der autogerechten Stadt leiten; die Rekonstruktion stand im Mittelpunkt – auch dies macht heute den Charme der Stadt mit aus.

Münster (= monasterium) ist eine Stadt der Kirchen. Das waren in Mittelalter und Früher Neuzeit nicht nur der Dom und die Pfarrkirchen, sondern auch zahlreiche Klöster und Stifte. So war etwa die beeindruckende Überwasser-Pfarrkirche – Treffpunkt des Historikertages am Donnerstagabend – gleichzeitig die Kirche eines adligen Damenklosters und -stifts. Doch heißt „Stadt der Kirchen“ nicht, dass Münster immer katholisch war: Für kurze Zeit, nämlich vom Juli 1532 bis zum Januar 1534, war Münster eine evangelische Stadt, und sie wäre es vielleicht auch geblieben, wenn nicht der münsterische Reformator Bernd Rothmann und zwei niederländische Propheten die biblischen Offenbarungen von der Endzeit mit konkreten Terminen versahen. Schon bald werde Christus auf die Erde zurückkehren, und zwar in Münster. Man müsse bereit sein und die „Tenne des Herrn“ fegen, sprich die Andersgläubigen vertreiben. Das Täuferreich endete 1535 nach einem blutigen Sturm auf die Stadt, die dann erneut katholisch wurde. Sie erlebte eine neue wirtschaftliche Blüte, was die Aufnahme des Friedenskongresses ermöglichte. 1661 musste die Stadt Münster aber ihre Tore Fürstbischof Christoph Bernhard von Galen öffnen – Münster war keine Autonomiestadt mehr. Die Stadt bekam eine Zitadelle, aber der Funktionswandel zur Residenzstadt brachte auch wirtschaftliche Vorteile mit sich. Dies wird heute nicht nur an dem am Ort der Zitadelle 1767 errichteten Schloss deutlich, sondern auch an den vielen Adelshöfen in der Stadt, wovon der Erbdrostenhof (Salzstr.) sicherlich das imponierendste Bauwerk ist. Die vom Fürstbischof von Galen ausgehende tridentinische Prägung der Stadt verlor sich in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – die Epoche der Katholischen Aufklärung wird noch heute mit dem Wirken der Schulreformatoren Fürstenberg (Fürstenberghaus!) und Overberg verbunden. Auch die Gründung der (ersten) Universität ist auf die Katholische Aufklärung zurückzuführen (1773/80). Hingegen scheiterte die merkantilisch-kameralistische Wirtschaftsförderung in Münster; der Max-Clemens-Kanal, ein Prestigeprojekt jener Zeit, versandete in den Weiten des Münsterlandes, doch sein Startpunkt kann heute noch in Münster-Coerde/Kinderhaus besichtigt werden. Zwar fand mit dem Untergang des Alten Reiches auch die münsterische Adelskirche ihr Ende, doch der Bistumssitz und die Katholizität der Stadt blieben. Allerdings kamen neue städtische Funktionen auf: Die Stadt wurde Sitz des Oberpräsidiums der neuen preußischen Provinz Westfalen und der Bezirksregierung; das Altstadtbild änderte sich durch die neuen Zweckbauten sowie durch eine Kaserne und durch die Promenade an Stelle der niedergelegten Stadtmauer. Neue, z.T. bürgerliche Viertel trugen zur Ausdehnung der Stadtgrenze bei.

Im Kulturkampf der 1870er Jahre galt Münster im Deutschen Reich als „nordisches Rom“. Getreu dem Lied “Fest soll mein Taufbund immer stehen, ich will die Kirche hören“ kam es zur Solidarisierung mit dem „Bekennerbischof“ Brinkmann und zu zahlreichen Protesten gegen die Kulturkampfgesetze. Nach dem Kulturkampf folgte das Arrangement mit dem Kaiserreich; die katholische Identität blieb, was noch heute in neogotischen, in die Höhe ragenden Kirchenbauten sichtbar wird (Hl. Kreuz, Herz-Jesu und Josef, Turm St. Lamberti). Mit dem Anschluss an die Bahn und am Ende des 19. Jahrhunderts an den Dortmund-Ems-Kanal wurde die Industrialisierung gestützt – heute ist Münster Sitz von Industrie, Banken, Versicherungsunternehmen und Dienstleistern sowie eines breit aufgestellten Mittelstandes.

Auch in der NS-Zeit war Münster eine „schwarze“ Hochburg. Die gegen die Euthanasie gerichteten Predigten des münsterischen Bischof Clemens August von Galen wurden im ganzen Münsterland verbreitet. Sein Grab im Dom und sein Denkmal am Rand des Domplatzes erinnern an sein Wirken; an der Person Galens entzündeten sich auch öffentliche Debatten um die Stellung der Kirchen zum NS-Regime.

Nach Kriegsende sind auch für Münster die mit dem Wirtschaftswunder einhergehenden Wandlungen zu konstatieren: Das 1956 eröffnete neue Theater – eine Ikone der Architekturgeschichte – steht für den kulturellen Aufbruch der 1950er Jahre; die Westfälische Wilhelms-Universität nahm an Bedeutung zu; gerade im Freizeitbereich (Aasee, Kneipenszene, aktuell: der Kreativkai im Hafen) und in der Museumlandschaft sowie durch die Skulptur Projekte hat Münster an Ausstrahlung gewonnen. Das möchte man den Kriminalisten des Fernsehens gerne zurufen!

Werner Freitag