Norbert Frei Maria Alexopoulou (Sektionsleitung)

Rassismus seit der „Stunde Null“. Einwanderung und Differenz in Deutschland 1945-2018

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Abstract

Die „Flüchtlingskrise“ des Jahres 2015 markiert für Deutschland eine Zäsur: Sie legte offen, dass die deutsche Gesellschaft gespalten ist in einen Teil, der Einwanderung als Normalität betrachtet, und einen zweiten, der darin eine abzuwehrende Gefahr sieht.

Ungeachtet der Forschungskonjunktur zur NS-„Volksgemeinschaft“ wird bis heute kaum reflektiert, in welchem Maße und auf welchen Wegen rassistische Wissensbestände über „Migrationsandere“ aus der Zeit vor 1945 in der Bundesrepublik tradiert worden sind. Wurden sie in radikalen politischen Zirkeln gehütet, um jeweils situativ neu verbreitet zu werden? War es die schwächelnde Konjunktur gegen „Ende des Booms“, die Mitte der 1970er Jahre das zumindest begrifflich neue Phänomen der „Ausländerfeindlichkeit“ hervorbrachte? War Rassismus nur dann gefragt, wenn ökonomische oder politische Krisen nach einer Ausdrucksform für Protest suchten? Wie verhält es sich mit dem Ausgrenzung legitimierenden Argument der „Integrationsunfähigkeit“ der Muslime und der darin gesehenen Gefahr für die demokratisch-liberale Gesellschaft?

Weitere Fragen drängen sich auf, wenn der politische und diskursive Umgang mit Herkunftsdifferenz beziehungsweise mit „Migrationsanderen“ im historischen Kontinuum aus rassismuskritischer Perspektive betrachtet wird: Worauf basierte die tiefe Überzeugung, dass Deutschland kein Einwanderungsland sein könne? Wie lässt sich die Langlebigkeit tradierter Institutionen und Strukturen erklären, die aus Einwanderern die soziale Kategorie der „Ausländer“ erschufen, denen Bürgerrechte nachhaltig verwehrt wurden? Machten Konzepte wie „Ausländer-“ und „Fremdenfeindlichkeit“ die ökonomistische Rationalisierung rassistischer Haltungen und Handlungen plausibel und damit sogar politikleitend?

Die historiographische Missachtung von Rassismus und rassistischer Wissensbestände seit 1945 hat – parallel zu unleugbaren Lernprozessen im Umgang mit Differenz – dazu beigetragen, dass sie weiterhin ignoriert und sekundär reproduziert werden.

Manuela Bojadžijev (Lüneburg/Berlin)
Rassismustheorien in der deutschen Forschungslandschaft der Gegenwart
Der Beitrag wird der Genealogie der Rassismusforschung und -theorie in Deutschland nachspüren. Grundlage dafür sind die Ergebnisse einer 2016 am Berliner Institut für empirische Integrations- und Migrationsforschung der Humboldt-Universität durchgeführten Studie, für die narrative Interviews mit Forscher*innen geführt wurden, die seit Anfang der 1960er Jahre über Rassismus geforscht haben und weiter forschen. Auf der Basis dieser Erkenntnisse sollen die Herausbildung sowie die intellektuellen, personellen und institutionellen Einflüsse des Feldes zusammengefasst und auf die Desiderata gegenwärtiger Rassismusforschung eingegangen werden.
Maria Alexopoulou (Mannheim)
Rassistisches Wissen in der Geschichte Deutschlands
Das deutsche Staatsbürgerschafts- und Ausländerrecht sowie die damit verbundenen Praktiken und Diskurse gehören zu den Institutionen, mittels derer rassistisches Wissen in die Bundesrepublik transferiert, reproduziert und strukturell verankert wurde. Dies stabilisierte ein auf Herkunft basierendes hierarchisches System, das sich in der Ungleichbehandlung von Migrant*innengruppen widerspiegelte. Indem die Zeitgeschichte die Historisierung des Umgangs mit Herkunftsdifferenz etwa bei der Diagnose einer geglückten Demokratisierung, Liberalisierung und Pluralisierung der Bundesrepublik als zentrales Thema ignorierte, trug sie dazu bei, rassistische Wissensbeständen nachhaltig unsichtbar zu machen.
Yasemin Shooman (Berlin)
Religiöse und kulturelle Identität bei der Aushandlung von Zugehörigkeit in der Bundesrepublik
Muslime gelten in der seit Jahren anhaltenden Diskursverschiebung immer stärker als schwer oder gänzlich unintegrierbare Gruppe. Kultur und Religion sind zu den dominanten Grenzmarkierungen geworden – zum einen wegen der zunehmenden Sichtbarkeit praktizierender Muslim*innen, zum anderen wegen der medialen Präsenz des Islam als „Gefahr“. Doch antimuslimische Narrative kamen nicht erst mit 9/11 auf. Differenz wurde in den 1980ern entlang der Kategorie Kultur erfasst und eine Hierarchie zwischen „kulturnahen“ und „-fernen Ausländern“ als Topos etabliert. Der Trend zur Kulturalisierung gesellschaftlicher Konflikte bildet den Ausgangspunkt für einen kulturalistisch argumentierenden Rassismus.
Maik Tändler (Jena)
Neue Rechte und Ethnopluralismus. Völkische Theorie seit den 1970er Jahren
Der „Ethnopluralismus“ zählt zum Ideenbestand der Neuen Rechten, der führende AfD-Politiker nahestehen sollen. Die in der 1970ern von Henning Eichberg lancierte Theorie will durch Vermeidung eines biologistischen Rassebegriffs und den Verzicht auf eine offen wertende Hierarchisierung von „Ethnien“, völkische Ordnungsvorstellungen „zeitgemäß“ reformulieren und damit rehabilitieren. Diese „Modernisierung“ der völkischen Theorie soll rekonstruiert werden, indem sowohl nach Kontinuitäten zu älteren kulturalistischen Rassetheorien gefragt wird als auch nach dem Zusammenhang zwischen dem politisch-kulturellen Wandel der 1970er und der ethnopluralistischen Theoriebildung im neurechten Diskurs.