Sebastian Dorsch Angelika Epple Achim von Oppen (Sektionsleitung)

Geschichte translokal: Spaltungen in der Raumzeit überdenken

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Achim von Oppen (Bayreuth)
Über Grenzen: Zum Verhältnis von Räumlichkeit und Zeitlichkeit in einer ‚Geschichte der Weltregionen‘
Einsichten in die Ambivalenz von „Grenzen“ standen am Beginn der Debatte über „Translokalität“. Diese wurde zunächst vor allem räumlich verstanden: Einerseits erschienen Grenzen durchlässig, verschiebbar, ja konstruiert, andererseits hatten sie aber eine erhebliche historische Bedeutung. Im Kontext der Moderne werden Räume meist territorial, von ihren Grenzen her gedacht. Auch „Grenzüberschreitungen“ tragen in vieler Hinsicht zur Bestätigung von Abgrenzungen bei. Hier soll ausgelotet werden, inwieweit das – größenneutral gemeinte – Konzept der „Trans-Lokalität“ auch auf zeitliche Abgrenzungen erweitert werden kann bzw. sogar sollte.  Dies ist von erheblicher Bedeutung für eine kritische außereuropäische Geschichte, zwischen „Globalgeschichte“ und „Geschichte der Weltregionen“.
Ulrike Freitag (Berlin)
Die Regulierung nationaler Zugehörigkeit: Zur temporalen Dimension translokaler Zirkulation am Beispiel der islamischen Pilgerfahrt
Der Beitrag geht der Frage nach, welche Konsequenzen die Regulierung staatlicher Zugehörigkeit für eine translokale Praxis par excellence hatte, nämlich die islamische Pilgerfahrt nach Mekka. Diese galt bis Mitte des 19. Jahrhunderts gewissermaßen als natürliches Recht aller Muslime. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts schürten imperiale Rivalitäten das Bedürfnis nach Regulierung und Kontrolle, worauf u.a. unter Rekurs auf Nationalitätsmerkmale reagiert wurde. An diesem Beispiel zeigt sich, wie die überzeitliche Idee der Pilgerfahrt durch unterschiedliche staatliche Regularien verändert und gestaltet wurde.
Birte Förster (Bremen/Darmstadt)
Translokale Dynamisierung von Zeit und Raum. Wasserregulierung und Energieproduktion durch den Owen-Falls-Staudamm in Uganda
Als die Queen 1954 den Owen-Falls-Staudamm in Uganda einweihte, war in mehrfacher Hinsicht eine grenzüberschreitende Infrastruktur entstanden. Geplant und konfliktreich ausgehandelt in einem transkolonialen Expertennetzwerk, schuf die Staumauer im Viktoriasee ein Wasserreservoir und war so Teil einer translokalen Wasserbaulandschaft am Nil, die wenig später in nationale Einzelprojekte zerfallen sollte. Als Energielieferant für Kenia machte Owen Falls ein translokales Elektrizitätsnetz möglich, das jedoch lokal bewirtschaftet wurde. Die Baustelle und fertiger Großbau waren selbst ein translokal verbundener Ort, Beispiel für die heterogene Fixierung und Dynamisierung räumlich-zeitlicher Beziehungen.
Sebastian Dorsch (Erfurt)
Translokale Wissensakteure im Konflikt um die Guyanas (Ende 19. Jhdt.). Raum-zeitliche Verortungen – koloniale Macht – Wissenspolitiken
Der Ansatz der Translokalität zielt auf die Überwindung vermeintlich gesetzter Grenz- und Raumordnungen. Der Beitrag dynamisiert dieses Modell und stellt die Vorstellung der „translokalen Wissensakteure“ zur Debatte: Akteure, die ihre raum-zeitliche Umwelt produzieren und überwinden, indem sie sich diese qua Wissen und Handeln aneignen. Der Konflikt um die Guyanas um 1900 bietet sich hierfür exemplarisch an, da in ihm (1) verschiedene Akteure moderne Raum- und Zeitordnungen diskutieren, die nach einer gängigen Annahme stark durch systemisch-kartographische Blicke von oben geprägt sind, und dabei (2) lokal-globale – oder besser translokale – Wissens- und Machttechniken fokussieren.
Jürgen Zimmerer (Hamburg)
Die Benin-Bronzen als koloniale Raubkunst und Weltkultur. Überlegungen zu translokalen Bedeutungsverschiebungen kolonialer Objekte in Raum und Zeit
Angelika Epple (Bielefeld)
Praktiken des Vergleichens und die Konstruktion von Zeiten und Räumen
Dass unterschiedliche Weltregionen eng auf einander bezogen und daher nicht ohne einander zu denken sind, ist eine alltagsweltliche Trivialität. Die Dynamik der gegenseitigen Hervorbringung analytisch zu fassen und ihre Geschichte zu erforschen, ist dagegen eine große wissenschaftliche Herausforderung. Während der methodologische Nationalismus von festen geographischen Einheiten ausging, hat die Verflechtungsgeschichte den Schwerpunkt auf die Beziehungen zwischen Räumen gelegt. Über beide Ansätze hinausgehend, so argumentiert die Beiträgerin, gilt es, im Sinne einer relationalen Geschichtsschreibung die soziale Erzeugung von Räumen durch translokale Beziehungen zu analysieren. Dies verdeutlicht sie am Beispiel der Analyse von Vergleichspraktiken: Indem Akteure vergleichen, stellen sie zwischen mindestens zwei comparata in Bezug auf mindestens ein tertium comparationis eine Beziehung (Relation) her, mithilfe derer sie die comparata erzeugen. So konstruieren sie nicht nur Räume, sondern befördern auch deren Veränderung in der Zeit.
Elisio Macamo (Basel)
Kommentar
Susanne Rau (Erfurt)
Kommentar