Maren Möhring Christiane Reinecke (Sektionsleitung)

Umkämpfte Migration: Historisch-genealogische Perspektiven auf aktuelle Integrations- und Migrationsbegriffe

Abstract

Obwohl dauerhaft von Migration geprägt, begannen viele europäische Gesellschaften sich im Laufe des 20. und 21. Jahrhundert nur zögerlich als (ethnisch diverse) Migrationsgesellschaften zu verstehen. Wie, mit Hilfe welcher Begriffe und Kategorien die Zeitgenoss*innen die betreffenden Gesellschaften charakterisierten, wie sie sie nach Außen abgrenzten und im Inneren differenzierten, variierte allerdings und wandelte sich seit den 1950er Jahren entscheidend. Konflikte über Migration, über unterschiedliche Mobilitäten und ihre Effekte, dienten dabei immer auch der gesellschaftlichen Selbstverständigung. Sie dienten der Auseinandersetzung damit, was eine Gesellschaft, Kultur oder ein politisches System im Kern ausmachen sollte und wie sich die globale Beweglichkeit von Menschen, Waren und Ideen zu diesen Vorstellungen verhielt. Mit diesem Wechselspiel von Migration und gesellschaftlicher Selbstverständigung befassen sich die Vortragenden anhand zentraler Begriffe. Sie machen sich die Erkenntnis der Historischen Semantik zunutze, dass sich gesellschaftliche Transformationen in dem veränderten Gebrauch von Begriffen verdichten. Das Panel fragt also danach, welche Semantiken der Integration, Zugehörigkeit und Nichtzugehörigkeit wann in unterschiedlichen deutschsprachigen Ländern in Gebrauch kamen, welche Ordnungsversuche sich daran knüpften und welche Konflikte über die Herstellung einer Nation, Gesellschaft oder Gemeinschaft sich innerhalb dieser Länder und über deren Grenzen hinweg entwickelten. Aus einer interdisziplinären Perspektive wird diskutiert, welchen Beitrag speziell historisch-genealogische Analysen zu der aktuellen Auseinandersetzung mit Migrationsgesellschaften und ihren Konfliktlinien leisten können.

Christiane Reinecke (Osnabrück)
Hinleitung
Kijan Espahangizi (Zürich)
Die Entdeckung der „Migration“. Formen, Funktionen und Effekte eines neuen Konzepts in den 1960er bis 1990er Jahren am Beispiel der Schweiz

Der Begriff Migration ist heute omnipräsent. Er verweist auf einen globalen Gesamtzusammenhang menschlicher Mobilitätsformen, der durch die Linse der Migrationsgeschichte als „Normalfall“ bis in die Frühzeit der Menschheit zurückverlängert werden kann. In dem Vortrag werden am Beispiel der Schweiz die Zusammenhänge zwischen den 1960er und 1990er Jahren beleuchtet, in denen sich das heutige Verständnis von Migration herausbildet, in unterschiedliche soziale Kontexte einschreibt und zunehmend gesellschaftlich etabliert.

Maria Alexopoulou (Mannheim)
Die Genese der Konzepte „Ausländerfeindlichkeit“ und „Fremdenangst“ – Deckbegriffe für Rassismus?

Seit Mitte der 1970er Jahre reagierten große Teil der deutschen Gesellschaft immer offener mit unterschiedlichen Graden der Ablehnung und Abwertung auf die Erkenntnis, dass aus „Gastarbeitern“ Einwander*innen geworden waren. In den 1980er Jahren kamen die Konzepte ‚Ausländer-‘ und ‚Fremdenfeindlichkeit’ auf, die diese Haltungen und Praktiken charakterisierten. In welchen Kontexten entstanden sie und welche Erklärungsmuster boten sie an? Sollten sie neue Phänomene bezeichnen oder wurden diese in ein historisches Kontinuum gestellt? Fungierten sie letztlich als Deckbegriffe für Rassismus?

Ann-Judith Rabenschlag (Stockholm)
Völkerfreundschaft statt Rassismus? Zum sprachlichen Umgang mit ausländischen Vertragsarbeiter*innen in der DDR

Die DDR verstand sich als antifaschistische, post-rassistische Gesellschaft, die allen Mitgliedern der Arbeiterklasse im Geiste der Völkerfreundschaft begegnete. Im Zusammenleben mit ausländischen Arbeitskräften wurde dieses Selbstverständnis auf die Probe gestellt. Der Vortrag beleuchtet, inwiefern Rassismus nicht nur im sozialen, sondern auch im sprachlichen Umgang mit ausländischen Arbeitskräften präsent war. Dabei wird herausgearbeitet, dass eine Diskriminierung von Ausländer*innen nicht nur in Form der Verletzung staatsideologischer Vorgaben stattfand, sondern sich bereits im Konzept der Völkerfreundschaft selbst manifestierte.

Özkan Ezli (Tübingen)
Von der kulturellen zur postkulturellen Integration. Geschichte und Aktualität des Begriffs der „Integration“ in der Bundesrepublik Deutschland

„Das Volk ist jeder, der in diesem Land lebt“, hielt Angela Merkel Anfang 2017 zum Wahlkampfauftakt in Mecklenburg-Vorpommern fest und bestimmte kulturelle Zugehörigkeit als Partizipation. Diese Form der Integration steht nicht nur im Gegensatz zum Schlachtruf der Pegidisten, sondern auch in einem spannungsvollen Verhältnis zum Gebrauch des Begriffs der Integration in der Geschichte der Bundesrepublik. Ziel des Vortrags ist, diese Geschichte als eine von der kulturellen zu einer postkulturellen Integration nach zu zeichnen.

Maren Möhring (Leipzig)
Kommentar und Diskussionsleitung