Simone Lässig Ursula Lehmkuhl (Chair of the panel)

Mobility and Connectivity: Historical Sources, Methods, and Conflicting Interpretations at the Interface between Analog Source Criticism and Digital Research

Andreas Fickers (Luxemburg)
Einführung | Digitale Hermeneutik – Chancen und Herausforderungen des „digital turn“ für die Geschichtswissenschaft

Inwiefern beeinflussen Digitalisierungssoftware, Datenbankstandards, Metadaten und Suchalgorithmen die Find- und Darstellbarkeit von Bewegungsmustern und kommunikativen Netzwerken? Inwiefern spiegeln statistisch ermittelte Korrelationen historisch relevante Informationen? Welche Kompetenzen brauchen wir als HistorikerInnen, um explorative Formen der computerbasierten Datenanalyse (“distant reading”) mit der kritischen Analyse einzelner Quellen (“close reading”) sinnvoll zu kombinieren? Diese und ähnliche Fragen stehen im Mittelpunkt der digitalen Hermeneutik, die in diesem Panel an konkreten Forschungsfragen, Methoden und Werkzeugen der Migrationsgeschichte diskutiert werden.

Rosalind Beiler  (Orlando, FL)
„Sehr wehrte Freunde und Brüders in Christo“: Der Einfluss religiöser Korrespondenznetzwerke auf globale Migrationsflüsse und Mobilitätsmuster im 17. Jahrhundert

Rosalind Beiler stellt das Projekt PRINT vor, das Korrespondenznetzwerke europäischer Wiedertäufer, Quäker und Pietisten im 17. Jahrhunderts untersucht. Durch die Auswertung der Briefe mit Hilfe von Tools zur Netzwerkvisualisierung werden zentrale Akteure frühneuzeitlicher religiöser Kommunikation identifiziert und zueinander in Beziehung gesetzt und neue Erkenntnisse über die geographische Spannbreite von Netzwerken und ihre Veränderung über längere Zeiträume gewonnen. Ziel ist die Rekonstruktion der Art und Weise wie diese Netzwerke globale Migrationsflüsse und Mobilitätspattern im 17. Jahrhundert beeinflusst und darüber spezifisch religiöse Konnektivitätsräume etabliert haben.

Katherine Faull (Lewisburg, PA)
"Wenn du in das land kommst, so denke nicht an gros Reichthum zu gewinnen… ": Constructing a transatlantic digital hermeneutics through 18th Century Moravian Memoirs

Katherine Faull presents the project “Moravian Lives,” a digital platform that allows access to and analysis of the archival manuscripts of (auto)biographical writings of the Moravian Congregation from the 18th to the 20th century. This paper presents the religious network structures, geographical and personal, that act as vectors in the movement and conversion of European and Native peoples in North America, with a focus on the as yet under-analyzed networks of women and Native Americans in the movement of peoples in the long 18th century. Through the encoding of names, places, and dates new insights into the role of gender and race in trans-Atlantic migration can be revealed.

Ursula Lehmkuhl (Trier)
Sprechen über die Wunder der Neuen Welt: Kulturelle Übersetzungspraktiken als kommunikative Konnektivitätsinstrumente in den Briefen deutscher Auswanderer im 19. Jahrhundert

Auf der Grundlage ausgewählter Briefserien der Deutschen Auswandererbriefsammlung Gotha (DABS) präsentiert Ursula Lehmkuhl kommunikative Übersetzungspraktiken in Briefen deutscher Auswanderer als kommunikative Konnektivitätsinstrumente. Dies geschieht auf der Grundlage eines analogen „close readings“ ausgewählter Briefe. Ausgehend von den Ergebnissen der analogen Quellenauswertung wird in einem zweiten Schritt ein Modell für die digitale Erschließung von Übersetzungspraktiken in FuD, einer virtuellen Forschungsumgebung für die Geistes- und Sozialwissenschaften, vorgestellt, das es erlaubt, mit Hilfe digitaler Tools Kommunikationsmuster und ihre Veränderung im langen 19. Jahrhundert zu erfassen.

Simone Lässig (Washington, D.C.)
Transatlantische Mobilität und Wissensproduktion im 19. Jahrhundert: Perspektiven der „Daheimgebliebenen“

An der Schnittstelle von Migrations- und Wissensgeschichte fragt der Vortrag, wie Mobilität und Immobilität aufeinander bezogen waren und wie jene, die (noch) nicht ausgewandert waren, sondern vorerst regional verwurzelt blieben, migrationsbezogenes Wissen aufgenommen und selber produziert haben. Briefe heute kaum noch bekannter Menschen werden auf Alltagspraktiken und Wissensbestände befragt, die sich in den von ihnen mit geschaffenen transatlantischen Kommunikationsräumen geformt und manifestiert haben. Dabei reflektiert der Vortrag Herausforderungen, die mit der Erschließung eines digitalen Korpus von Auswandererbriefen verbunden sind, ebenso wie die Erkenntnispotenziale, die digitale Werkzeuge und Arbeitsweisen für die Analyse nicht serieller Massenquellen inne wohnen.