Die Abstracts der Sektionen wurden aktualisiert |
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Der Berichtsband erscheint voraussichtlich im Sommer 2009. Wir werden Sie an dieser Stelle weiterhin informieren. |
Versehrt durch Arbeit, Krieg und Strafe. Ursachen und Folgen körperlicher Beeinträchtigung im Mittelalter
Leitung: Cordula Nolte, Bremen
Abstract der Sektion
Der gesellschaftliche Umgang mit körperlich beeinträchtigten, pflege- und hilfsbedürftigen Menschen und deren Lebensbewältigung stehen in jüngerer Zeit im Blickfeld verschiedener historischer Disziplinen und Forschungsansätze. Dazu gehören sowohl die auf alltägliche Lebenswelten zielenden Ansätze der Kultur- und Sozialgeschichte als auch eine an den „Patienten“ orientierte Sozialgeschichte der Medizin, die Forschungen zur Geschichte des Körpers und zur „disability history“, die historische Altersforschung ebenso wie die Archäologie und die Anthropologie. Die internationale Mediävistik beginnt soeben, sich das neue Arbeitsgebiet zu erschließen.
Körperliche Beeinträchtigung im Mittelalter konnte angeboren, durch Krankheit ausgelöst, durch Unfall, Kampf und Krieg oder auf den Körper zielende Strafe verursacht worden oder die Folge von langjähriger Arbeitsbelastung sein. Im Mittelpunkt der Sektion steht nicht das ganze Panorama, sondern es geht um ausgewählte Komplexe: Körperschäden, die von Kampf- und Kriegsverletzungen, von Körperstrafen und Arbeitsunfällen bzw. Arbeitsverschleiß herrührten, werden im Hinblick auf ihre Ursachen und ihre Folgen untersucht. Ausgehend von einem ebenso breit gefächerten wie disparaten Quellenmaterial ist danach zu fragen, inwiefern die erlittenen Blessuren zu Invalidität führten, ob und wie sie therapiert wurden, wie die Betroffenen und deren Umfeld mit der Minderung ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit umgingen, ob Bewegungseinschränkungen, Sinnes- und Gliederverluste und Deformationen zu „Behinderung“ im Sinne einer soziokulturellen Konstruktion führten. Damit verbindet sich durchgängig die Überprüfung, welche Vorstellungen, Deutungen und Diskurse die Erfahrung beeinträchtigter Körperfunktionen und die Reaktionen der Mitmenschen prägten. Für die agonale und an utilitas orientierte Gesellschaft des Mittelalters ist anzunehmen, daß sich in allen gesellschaftlichen Schichten Einbußen an körperlicher Funktionsfähigkeit gravierend sowohl auf das betroffene Individuum als auch auf das Kollektiv auswirkten. Existentielle Gefährdungen, von der Subsistenzsicherung bis zum baren Überleben, könnten zugleich in Lebens- und Arbeitswelten, die durch Gruppenbindung und Gemeinschaftlichkeit geprägt waren, in hohem Maße aufgefangen worden sein. Die Beiträge der Sektion wollen hier weniger die schon weitgehend wissenschaftlich aufgearbeiteten Fürsorgeeinrichtungen aus dem kirchlich-klösterlichen und dem städtischen Bereich ins Auge fassen als die noch wenig untersuchten häuslich-familiären, dörflichen oder grundherrlichen sozialen und ökonomischen Leistungen der Familien, Verwandten, Freunde, der Dorfgemeinschaft, Zünfte und Genossenschaften, der Grundherren gegenüber den Mitgliedern ihrer familia sowie der Burgherren gegenüber ihrem Hofpersonal.
Die angesprochenen Fragen berühren vielfältige Aspekte der sozialen und kulturellen Praxis. Sie können durch die Untersuchung von Überlebenschancen und Möglichkeiten sozialer und herrschaftlicher Teilhabe, von Integration, Ausschluß oder Marginalisierung beeinträchtigter Menschen in verschiedenen Milieus und Alltagszusammenhängen klären helfen, ob oder wie die Kategorie „Behinderung“ (disability) für die mittelalterliche Gesellschaft sinnvoll zu verwenden ist. Der Ansatz ermöglicht zudem einen Zugriff auf den „ganzen“ Körper: zum einen als beeinträchtigter Körper, der die betroffenen Menschen physisch nicht mehr oder nur noch eingeschränkt befähigt, für die eigene Existenzgrundlage zu sorgen; zum anderen als leiblicher Träger von sozialen Erfahrungen des Krieges und der Arbeit und als Verkörperung von politischer Ordnung. Gerade der Aspekt der Körperstrafen wird hier tiefere Einblicke in die Symbolik des Körpers gewähren.
Da das Arbeitsfeld „Beeinträchtigung/Behinderung im Mittelalter“ aufgrund der Quellenlage nur in fächerübergreifender Zusammenarbeit bestellt werden kann, vereinigt die Sektion drei geschichtswissenschaftliche Beiträge und einen archäologischen Beitrag.