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Der Berichtsband erscheint voraussichtlich im Sommer 2009. Wir werden Sie an dieser Stelle weiterhin informieren. |
Deutsche und Tschechen im Visier der Ethnografie. Zwei Volkskulturen oder doch nur eine?
Referent/in: Petr Lozoviuk, Dresden / Liberec
Aus fachhistorischer Perspektive wird zur Diskussion gestellt, inwieweit die Volkskunde dazu beitrug, dass zwischen den Tschechen und Deutschböhmen eine kulturell-distinktive Trennlinie gesehen wurde. Ferner wird hier die Frage behandelt, in welcher Hinsicht die Volkskundler auf beiden Seiten der Sprachgrenze bestrebt waren, zu beweisen, dass Angehörige der böhmischen Volksgruppen unterschiedlich wären.
Sowohl bei den Tschechen als auch bei den Deutschböhmen leistete die Volkskunde Dienste bei der Suche nach einer neuen, alle die jeweilige Sprache sprechenden Bewohner des Landes umfassenden Kollektiv-Identität. Obwohl in ihrer formell-strukturellen Entwicklung die deutsch- und tschechischsprachigen Fachtraditionen einander ähnelten, gab es zwischen ihnen auch gewisse konträre fachwissenschaftliche Standpunkte. Dies betrifft insbesondere die Interpretation der ‚volkskulturellen' Objektivierungen bzw. die Klärung ihrer ethnischen Herkunft. In beiden Fachtraditionen tendierte man dazu, die in ihrem Visier stehenden Kulturerscheinungen spontan oder planmäßig in ethnischen Kategorien auszulegen, denn die Forscher beider Sprachen hatten intuitiv vorausgesetzt, die objektiv feststellbaren Kulturmerkmale müssten Informationen über die Ethnizität ihrer Träger vermitteln. Die nahe liegende Frage der kulturellen Kongruenz wurde dagegen nicht näher verfolgt. Diese intellektuelle Praxis wirkte sich weiter auf die Situation im Terrain aus, wo die ethno-nationale Auslegung der kulturellen und sozialen Realität immer deutlicher die regional gefärbte Pluralisierung der Lebenswelten ersetzte.
Mit der volkskundlichen Argumentation wollte man so die Annahme bestätigen, die aufgrund der Sprache kreierten Ethnien in Zentraleuropa unterschieden sich auch durch ihre kulturellen Äußerungen und würden sich durch diese voneinander abgrenzen. Die mehr oder weniger eindeutig erkennbaren Grenzen des mitteleuropäischen Kulturareals deckten sich jedoch offensichtlich nur selten und eher sekundär mit ethnisch-nationalen oder sprachlichen Grenzlinien.
Diese Herangehensweise an das ethnografische Feld änderte sich allmählich in den 1930er Jahren und insbesondere nach 1939. Nachdem in der Zwischenkriegszeit die Betonung der kulturellen Unterschiede in beiden Volkskunde-Traditionen überwog, wurden in den letzten Jahren der deutsch-tschechischen Koexistenz in Böhmen demgegenüber einige böhmische Gemeinsamkeiten verstärkt hervorgehoben, jedoch ausschließlich aus zeitgenössischen programmatisch-ideologischen Gründen. In beiden Fällen war die Volkskunde an der Markierung der identitären Distinktion beteiligt und trug somit zu der tragischen Zuspitzung der deutsch-tschechischen Koexistenz bei.