Die Abstracts der Sektionen wurden aktualisiert |
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Der Berichtsband erscheint voraussichtlich im Sommer 2009. Wir werden Sie an dieser Stelle weiterhin informieren. |
Die neue Unübersichtlichkeit: Kleidung und Kulturkontakt in der frühneuzeitlichen Welt
Leitung: Lyndal Roper, Oxford
Abstract der Sektion
Der frühneuzeitliche Wahrnehmungshorizont war grundlegend von der Erfahrung von Ungleichheit geprägt - dies gilt sowohl für den christlich-europäischen Binnenraum als auch für die Begegnung zwischen europäischen und außereuropäischen Kulturen in der Frühen Neuzeit. Das Prinzip der Ungleichheit strukturierte die ständische Gesellschaft Europas ebenso wie Europas Kulturkontakt mit der Neuen Welt. Wie und wo wurden diese Erfahrungen konkret greifbar, und wie wurde Ungleichheit augenfällig gemacht? Die vorgeschlagene Sektion nähert sich diesen Fragen aus der Perspektive der materiellen Kultur an. Sie untersucht in drei interdisziplinären Beiträgen, die lokale und globale Aspekte zusammenbringen, wie über die Aneignung und den Umgang mit Dingen Ungleichheit zwischen Kulturen, sozialen Gruppen und Geschlechtern in der frühneuzeitlichen Welt sinnfällig wurde.
Die ständische Gesellschaft scheint durch die Regulierung von Kleidung und Aussehen eine einfache Lösung zur Symbolisierung von Ungleichheit gefunden zu haben. Der französische Historiker Daniel Roche spricht im Hinblick auf das 16. und 17. Jahrhundert deshalb von einem „statischen sartorischen Ancien Régime". Die Untersuchung, wie soziale und kulturelle Distinktionsformen in der Frühen Neuzeit hergestellt und erlebt wurden, zeigt jedoch ein ganzes Spektrum von Wahrnehmungen, Meinungen und Praktiken auf, die keineswegs statisch waren. Differenzen wurden je nach Kontext neu produziert. Die materielle Kultur des Ansehens zeigt, dass diese Gesellschaft nicht aus klar abgegrenzten sozialen Gruppen bestand. Die Welt stellte sich nicht einfach „lesbar" dar; soziale, ethnische und geschlechtliche Erkenntlichkeit wurde zum Ordnungsproblem. Diese Sektion lotet verschiedene Umgangsweisen mit der neuen Unübersichtlichkeit aus.
Ulinka Rublack untersucht in ihrem Beitrag, wie globale Erfahrungen im 16. Jahrhundert in süddeutschen Reichsstädten lokal in der Auseinandersetzung mit Kleidungsbräuchen reproduziert wurden. Die zeichnerisch ethnographische Arbeit Albrecht Dürers, das Trachtenbuch von Christoph Weiditz, Hausbücher mit Handwerkerporträts sowie die patrizische Sammeltätigkeit in Nürnberg ermöglichten im bisher nahezu unbeachteten Werk des Sigmund Held (1560-80) eine lokal gebundene Wahrnehmungsweise gesellschaftlicher Unterschiede, die in ihrer proto-ethnographischen Breite im 16. Jahrhundert keine Parallele findet. Helds Bilderatlas, der sich in der Lipperheidischen Kostuembibliohtek zu Berlin befindet, wird hier erstmals breiter vorgestellt.
Wenn Kleidung ein Medium war, durch das sozialer Status, Tätigkeit und Geschlecht angezeigt werden konnte, so hatte es umgekehrt auch das Potential, Identitäten zu formen und anzupassen. Evelyn Welch zeigt auf, wie Garderobe und Frisur auf subtile Weise genutzt wurden, um Fremdheit und Eigenheit in einer italienischen Stadtgesellschaft zu markieren. Fremde und vor allem nicht-einheimische aristokratische Frauen konnten durch die Wahl ihrer Kleidung zugleich ihre Zugehörigkeit zur italienischen Stadtgesellschaft verdeutlichen und sich im Festhalten an den Moden ihres Herkunftslandes von ihr distanzieren, etwa in Momenten diplomatischer Spannungen.
Mit dem dritten Beitrag öffnet die vorgeschlagene Sektion die Perspektive vom europäischen Binnenraum zum europäisch-asiatischen Kulturkontakt und fragt, inwiefern die Aneignung kostbarer Güter, vor allem Juwelen, zum Indiz von Ungleichheit wurde. Juwelen waren, ähnlich wie Kleidung, Träger symbolischer und materieller Werte. Nicht nur für die europäischen Herrscher, sondern auch für die indischen Mogulherrscher waren sie Teil des Schatzes, der für ihren kulturellen und materiellen Reichtum stand. Warum es in der Begegnung zwischen europäischen Diplomaten und Mogulfürsten dennoch zu fundamentalen Differenzen hinsichtlich Bedeutung und Wertschätzung von Juwelen kam, zeigt Kim Siebenhüner am Beispiel der Gesandtschaft des Sir Thomas Roe an den Hof Jahangirs um 1600 auf.