Die Abstracts der Sektionen wurden aktualisiert |
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Der Berichtsband erscheint voraussichtlich im Sommer 2009. Wir werden Sie an dieser Stelle weiterhin informieren. |
Politikgeschichte aus kulturalistischer Perspektive
Referent/in: Birgit Emich, Freiburg
Versteht man unter Kultur mit dem Mainstream der Kulturalisten nach Max Weber und Clifford Geertz das Netz der Deutungen und Bedeutungen, in das sich der Mensch verstrickt, dann fragt eine Kulturgeschichte des Politischen nach dem Gefüge der Werte, Einstellungen, Normen und Regeln, nach den Denk-, Rede- und Verhaltensmustern, die das politische Geschehen regulieren. Diese kulturelle Dimension des Politischen oder kurz: die politische Kultur ist nicht nur eine analytische Kategorie, die den Gegenstand benennt. Sie ist zugleich ein wirkmächtiger Faktor, der individuelles wie kollektives Handeln mitbestimmt. Wie weit die Gestaltungskraft dieses Faktors reicht, ist der Knackpunkt im Streit um die kulturalistische Politikgeschichte: Gibt es so etwas wie die „harten Fakten", wie das Eigene, Eigentliche des Politischen, das sich dem kulturalistischen Zugriff entzieht? Oder ist alles, auch Macht, das Produkt von Sinn- und Bedeutungszuschreibungen? Am Beispiel der päpstlichen Herrschaft im Kirchenstaat der Frühen Neuzeit gelangt der Vortrag zu dem Befund, dass die politische Kultur das Politische in allen seinen Facetten durchdringt und auch die Kernthemen der klassischen Politikgeschichte vom politischen Entscheidungshandeln über Ausformung, Funktionsweise und Entwicklung institutionalisierter Staatlichkeit bis zu den Strukturen von Macht und Herrschaft bestimmt. Das Politische an sich ist aus dieser Perspektive ebenso wenig zu erkennen wie das Kulturelle an sich. Wenn sich zwei Ebenen gegenüberstehen, dann die Makroebene staatlich-institutioneller, ökonomischer und mentaler Strukturen und die Mikroebene individueller Wahrnehmungen und Handlungen. Auf beiden Ebenen findet sich Kulturelles wie Politisches. Das methodische Kernproblem liegt daher weniger in der Abgrenzung von Politik und Kultur als vielmehr in der Verzahnung von Mikro- und Makroebene. Und genau hier entfaltet die kulturalistische Perspektive ihren methodischen Nutzen: Sie erlaubt es, die viel beklagte Trennung zwischen handlungs- und strukturtheoretischen Ansätzen zu überwinden. Sie lenkt den Blick gerade auf die Wechselwirkungen zwischen Strukturen und Individuen und erhellt auf diese Weise die Mikrofundierung von Makroprozessen. Nicht zuletzt in dieser methodischen Syntheseleistung entfaltet die kulturalistische Perspektive ihr Potential für eine Neue Politikgeschichte.