Claudia Garnier (Sektionsleitung)

Mord oder Machtkonflikt? Der gewaltsame Tod des Kölner Erzbischofs Engelbert von Berg (1225) in der rechtlichen und literarischen Rezeption

Thema: Mittelalterliche Geschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Schlosskirche
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Der Tod des Kölner Erzbischofs Engelbert von Berg am 7. November 1225 mutet wie ein Kriminalfall an: Wurde er Opfer einer Verschwörung des rheinischen Adels, der seine Entführung plante, am Ende aber vor der übel zugerichteten Leiche stand? Oder zeigt die auch durch moderne forensische Untersuchungen belegte brutale Tötung, dass es sich tatsächlich um einen Mordanschlag handelte? Letztendlich wird man diese Fragen nicht klären können.  

Der Bischofstod von 1225 erlaubt jedoch vertiefte Einblicke in die Behauptung von Macht und Einfluss und ihre Bedeutung als elementarer Bestandteil spätmittelalterlicher Herrschaft. Aus dieser Perspektive kann der Einsatz von Gewalt als zentrales Element der Machtausübung bezeichnet werden. Der gewaltsame Tod eines ranghohen Geistlichen galt unzweifelhaft als Machtmissbrauch und musste daher in seiner Genese erklärt und gedeutet sowie von den verantwortlichen weltlichen und geistlichen Funktionsträgern sanktioniert werden. 

Unmittelbar nach Engelberts Tod setzte daher die rechtliche, aber auch literarische Verarbeitung ein: Die Täter wurden vor dem Königsgericht zur Verantwortung gezogen. Der päpstliche Legat Konrad von Urach leitete unverzüglich die kirchenrechtliche Verfolgung ein. Engelberts Nachfolger, Heinrich von Müllenark, beauftragte den Zisterzienser Caesarius von Heisterbach mit der Abfassung einer Vita seines Vorgängers. Walther von der Vogelweide fügte seinem bereits im Auftrag Engelberts verfassten Ehrenpreis auf den Erzbischof eine Totenklage hinzu. Die unterschiedliche Bewertung des Todes als unglücklicher Ausgang eines Machtkonflikts oder als Bischofsmord im Sinne des Machtmissbrauchs lag im intentionalen Interesse des Berichterstatters und seines Auftraggebers, der aus diesem Ereignis wiederum selbst Machtansprüche ableitete. 

Die Ereignisse nach Engelberts Tod sind zwar in Grundzügen bekannt, aber die damit verbundene rechtliche und literarische Aufarbeitung ist bislang noch nicht systematisch untersucht. Diesem Desiderat nähert sich die Sektion, weil sich auf diese Weise die Rezeption von Machtverhältnissen im 13. Jahrhundert ebenso untersuchen lässt wie ihre Repräsentation und Kommunikation. 

Der „Fall Engelbert“ im Kontext spätmittelalterlicher Machtkonflikte
Claudia Garnier (Vechta)

Die Umstände des Bischofstodes von 1225 stehen nahezu idealtypisch für Formen und Praktiken spätmittelalterlicher Machtkonflikte. Die Kontroversen entwickelten sich meist an territorialen Ansprüchen sowie strittigen Herrschaftsrechten und wurden durch spezifische Formen der Gewaltanwendung ausgetragen. Der Tod eines Gegners, zumal eines ranghohen Geistlichen, entsprach weder normativen noch praktischen Vorstellungen akzeptierter Streiterledigung. Der Vortrag kontextualisiert den „Fall Engelbert“ mit den etablierten Austragsmodi der Machtkonflikte des 13. Jahrhunderts und fragt, welche Akteure und Instrumente des weltlichen Rechts entgrenzte Gewalt kanalisierten und wie nach diesem disruptiven Ereignis die etablierten Machtverhältnisse wiederhergestellt wurden. 

(K)ein zweiter Becket. Der kanonische Prozess um die Tötung Engelberts von Berg
Katharina Ulrike Mersch (Bochum)

Der Fall Thomas Beckets zeigt: Die Tötung eines Bischofs war Sache der geistlichen Gerichtsbarkeit, hier wurden neue Rechtskonzepte ersonnen, um künftig auch das Umfeld der Täter bestrafen zu können. Das Potential dieser Neuerungen scheint nach der Tötung Engelberts nicht ausgeschöpft worden zu sein, das weltliche Gericht sowie die Heiligsprechung schienen wichtiger als ein geistlicher Strafprozess. Die Gründe hierfür sind nicht ausreichend sondiert worden. Waren die ungleichen Machtdynamiken, die im Rheinischen und in England zum Tragen kamen, dafür verantwortlich? Interessierte man sich für Becket mehr als für Engelbert? Verhielten sich die Täter im Nachhinein geschickter? Der Vergleich der Geschehnisse um Engelbert mit früheren und späteren Bischofsmorden soll helfen, Antworten zu finden. 

Von Kölne werder bischof. Walther von der Vogelweide und der sog. Engelbrechtston
Claudia Lauer (Bonn)

Hohe Geistliche haben wiederholt eine Rolle für die deutschsprachige Literatur des Mittelalters gespielt: als Mäzene, Gönner sowie als politische Amts- und Würdenträger im Rahmen politisch-aktueller Lyrik, wie sie mit Walther von der Vogelweide seit Ende des 12. Jahrhunderts greifbar wird, der mehrfach zu den Herrschenden seiner Zeit Stellung bezog. Es gibt eine Reihe von Strophen, die die Forschung mit Leben und Ermordung des Erzbischofs Engelbert I. in Verbindung bringt und die vielfältige Fragen aufwerfen: der sog. Engelbrechtston. Der Vortrag widmet sich diesen Strophen systematisch und bietet damit nicht nur weitere Einblicke in das kommunikative Beziehungs- und Interessengefüge der Zeit, sondern v. a. einen Beitrag zur literarischen Aufarbeitung und Wirkung der Ereignisse rundum Engelberts Tod. 

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