Wolfram Drews, Theresa Jäckh, Stephan Bruhn (Sektionsleitung)

Herrschaft in transkulturellen Kontaktzonen im hochmittelalterlichen West- und Südeuropa

Themen: Mittelalterliche Geschichte, Kulturgeschichte, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 8
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Dynamiken der Macht entfalteten sich im Mittelalter unter anderem im Gefolge militärischer Expansionen; einen Spezialfall bilden solche Eroberungszüge, die sich in transkulturellen Kontaktzonen vollzogen. Hier ging es nicht „lediglich“ darum, die Grenzen existierender Herrschaften auszudehnen; es stellten sich in besonderer Weise Probleme der Legitimation von Herrschaft, insbesondere über Bevölkerungsgruppen unterschiedlicher religiöser, sprachlicher oder ethnischer Zugehörigkeit. Die Eroberer bedienten sich materieller und ideeller Ressourcen (Grundbesitz, juristische Statuten, Memorialüberlieferung, Geschichtsbilder) eigener und fremder Provenienz, um eroberte Bevölkerungsgruppen zu integrieren und dauerhaft in den neu begründeten oder erweiterten Herrschaftsverbund einzubinden. Konflikte ergaben sich in Auseinandersetzung mit lokalem Widerstand, der sich bei der Unterminierung von als fremd wahrgenommenen Expansionsbewegungen auch des symbolischen Kapitals indigener Tradition bedienen konnte. Die Etablierung politischer Herrschaft in transkulturellen Kontaktzonen konnte dabei zunächst erfolgreich scheinen, wenn es nur noch wenig Widerstand gegen Eroberer zu geben schien, doch konnte ein solcher Zustand vermeintlicher Stabilität sich auch als trügerisch herausstellen, wenn es später zu internen Differenzierungsprozessen kam, die darauf basierten, dass Vertreter bestimmter sozialer Gruppen andere Personengruppen als vermeintlich fremde und nicht zur Herrschaft berechtigte Konkurrenten ausgrenzten. Die Sektion nimmt drei Beispielfälle aus unterschiedlichen geographischen Räumen Lateineuropas in den Blick und fragt nach den Erfolgsbedingungen für Integrations- und Desintegrationsprozessen in Herrschaften, die sich in transkulturellen Kontaktzonen etabliert hatten. Besondere Aufmerksamkeit erfährt dabei die Adaption und Umdeutung lokaler Traditionen für die (De-)legitimierung politischer Machtausübung. An die Vorträge schließt sich eine gemeinsame Diskussionszeit (25 Minuten) an. 

Zornige Heilige, oder: Nachdenken über Widerstand gegen fremde Herrscher im frühen normannischen England
Stephan Bruhn (London)

Der Vortrag widmet sich anhand der Eroberung Englands 1066 der Frage, ob und wenn ja auf welcher Basis Widerstandskonzepte artikuliert, legitimiert und propagiert wurden, die sich spezifisch gegen eine als „fremd“ empfundene Herrschaft richteten. Der Vortrag nimmt einen Quellenkorpus in den Blick, der für diese Fragestellungen bislang nur in Ansätzen ausgeschöpft worden ist: die hagiographische Überlieferung, die vor allem in Canterbury und Bury St. Edmunds unter dem Eindruck des Herrschaftswechsels entstanden ist. Die Einschreibung englischer Heiliger in das Gemeinschaftsgedächtnis kann als Akt der Selbstbehauptung gelesen werden, der sich ganz bewusst gegen die (wohl eher imaginierte) Gefahr einer kulturellen Überformung durch normannische Funktionsträger richtete. 

Ressourcen der Macht. Wasser- und Landbesitz im normannischen Westsizilien
Theresa Jäckh (Tübingen)

Als der Normannenfürst Robert Guiskard und sein Bruder Roger I. zum Jahreswechsel 1071/72 Palermo, die Hauptstadt muslimischer Herrschaft auf Sizilien, eroberten, konnte ein Ältestengremium den rechtlichen Status der Bevölkerung verhandeln und dabei Prinzipien des islamischen Rechts vermitteln. Erst in den Jahren nach der Errichtung des regnum Sicilie unter Roger II. 1130 gerieten die Muslime Palermos und Westsiziliens verstärkt unter Druck, was zumal auf das Erstarken eingewanderter Latein-Christen sowie insbesondere der kirchlichen und monastischen Einrichtungen zurückzuführen ist. Der Vortrag will anhand von wenig bekannten Dokumenten in arabischer, griechischer und lateinischer Sprache untersuchen, wie diese Einrichtungen ihre Macht immer weiter und zu Lasten der verbliebenen Muslime ausbauen konnten und welche Rolle dabei der Besitz von Wasser und Land spielte. 

Neogotische Geschichtsbilder und Imaginationen des Fremden im spätmittelalterlichen Kastilien
Wolfram Drews (Münster)

Durch die „Reconquista“ wurden neu unterworfene Bevölkerungsgruppen in den kastilischen Herrschaftsbereich einbezogen. Strategien der „Nostrifizierung“ (etwa einheimischer Muslime) standen gegenläufige Tendenzen gegenüber, die die Ausgrenzung von Juden zum Ziel hatten. In beiden Fällen ging dies mit einer Neudefinition der Untertanengemeinschaft als einer „(neo-)gotischen“ Nation einher. Der Vortrag widmet sich gegenläufigen Konstruktionen des Eigenen und des Fremden und zeigt, wie durch die Rezeption und Transformation neogotischer Bezüge politische Gemeinschaften konstruiert werden sollten, die einerseits Identifikationspotential für neu unterworfene Untertanen sowie für Konvertiten bieten, andererseits aber auch gerade exkludierend wirken sollten. 

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