Jan Musekamp, Anka Steffen, Hans-Jürgen Bömelburg (Sektionsleitung)

Globale Netzwerke, regionale Machtstrukturen. Beispiele aus Ostmitteleuropa im diachronen Vergleich

Themen: Epochenübergreifend, Wirtschaftsgeschichte, Sozialgeschichte
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 2
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Der Begriff „globales Netzwerk“ ist ein weitgehend positiv konnotierter Begriff. In diesem Zusammenhang denken wir heute an grenzenlose Kommunikation, wirtschaftlichen und wissenschaftlichen Austausch oder ganz profan an Reisemöglichkeiten. Gleichzeitig sind wir uns zunehmend der Schattenseiten globaler Netzwerke bewusst, die sich als unkontrollierte Machtstrukturen manifestieren, wie im Einfluss von Social Media Firmen, multinationalen Konzernen und Desinformationskampagnen. Aus infrastruktureller Sicht hat bereits Dirk van Laak in seiner Arbeit „Alles im Fluss“ auf diese Dichotomien hingewiesen. 

Die unterschiedlichen Ausprägungen globaler Vernetzung, aber auch deren beständigen Wandel bis hin zum Zerfall, eruiert die Sektion aus einer diachronen Perspektive. Die auf Ostmitteleuropa fokussierten Beiträge zu Handels- und Infrastrukturnetzwerken des Mittelalters, der frühen Neuzeit und des neunzehnten Jahrhunderts zeigen, wie globale Netzwerke regionale Machtstrukturen begünstigten und diese festigten. Alle Beiträge operieren mit Slavoj Žižeks Vorstellung „systemischer Gewalt“, welche die unterschwelligen Machtmechanismen anspricht, die sowohl sozioökonomischem als auch soziopolitischem Austausch inhärent sind. Die Zirkulation arabischer Silbermünzen im Piastenreich des 10. Jahrhunderts, der Konsum schlesischer Leinenstoffe in Westafrika und der Karibik im 17. und 18. Jahrhundert sowie der Eisenbahnbau im preußisch-russländischen Grenzgebiet im 19. Jahrhundert veranschaulichen die Langzeitinterdependenzen, die von globalen Netzwerken auf regionale Machtstrukturen – und vice versa – ausgingen. Anhand dieser Beispiele porträtiert die Sektion Ostmitteleuropa als einen Resonanzraum globaler Netzwerke und damit verbundener Machtdynamiken – eine Kontextualisierung, die diese Region in den historischen Wissenschaften selten erfährt. 

Die Sektion wird von Prof. Dr. Hans-Jürgen Bömelburg moderiert. Kurzreferate werden von Dariusz Adamczyk, Anka Steffen und Jan Musekamp vorgetragen (je 15 Minuten). Im Anschluss findet eine 45-minütige Diskussion statt. 

Sklavenhandel, interkontinentale Silbernetzwerke und die Staatsbildung der Piasten
Dariusz Adamczyk (Warschau)

Das 10. Jahrhundert ist für die Entwicklung Ostmitteleuropas fundamental. Zwischen Posen, Prag und Kiev entstanden neuartige Macht- und Herrschaftszentren, deren Entfaltung mit interkontinentalen Handelsnetzwerken aufs Engste verknüpft war. Gegen arabische Münzen wurden überwiegend Sklaven eingetauscht, die auf islamische Märkte zwischen Samarkand und Cordoba verschleppt wurden. Dieser Sachverhalt wirft eine Reihe von Fragen auf: In welchen Gebieten führten Warlords ihre Sklavenjagden durch? Welche Bedeutung besaß der Zugang zu arabischem Silber für die Piasten? Wie korrelierten Netzwerke systemischer Gewalt mit der Expansion früher Staaten? Der Beitrag interpretiert Machtdynamiken im frühmittelalterlichen Ostmitteleuropa neu und verknüpft sie mit ökonomischen Entwicklungen in der islamischen Welt. 

Handels„herren“. Transatlantischer Leinwandhandel und Leibeigenschaft in Schlesien
Anka Steffen (Wien)

Lokale Machtdynamiken und Robustheit schlesischer Gutsherrschaft im 17./18. Jahrhundert sind nur vor dem Hintergrund transatlantischer Menschenverschleppung aus Afrika und interkontinentaler Warenströme zu erklären. Schlesische Leinenherstellung in der frühen Neuzeit war eng mit Plantagensklaverei verbunden: Leinwand war erstens eine nachgefragte Tauschware im Sklavenhandel, zweitens setzte die schlesische Handelsoligarchie auf die Leibeigenschaft, um ihre Verkaufspreise für den Export niedrig zu halten. Die gutsherrlichen Machtstrukturen in der Riesengebirgsregion sind damit einerseits Ergebnis globaler Netzwerke, andererseits Ursache für das Festhalten an der Gutswirtschaft. Der Beitrag diskutiert die wirtschaftliche Modernisierung Ostmitteleuropas jenseits ideologischer Ost-West-Dichotomien neu. 

Ostmitteleuropäische Eisenbahninfrastruktur des 19. Jahrhunderts zwischen Machterhalt und Widerstand
Jan Musekamp (Warschau)

Im preußisch-russländisch-polnischen Grenzland schuf ein Infrastrukturprojekt in der Mitte des 19. Jahrhunderts neue Möglichkeitsräume, die von unterschiedlichen Akteuren für ihre Interessen genutzt wurden. Bahnlinien waren Lebensadern der polnischen Nationalbewegung zwischen Warschau, Krakau, Posen und Paris und dienten im Aufstand von 1863/64 dem militärischen Nachschub. Im Sinne systemischer Gewalt nutzte jedoch auch das russländische Militär die Bahn als Transportroute zur Niederschlagung der Rebellion. Der Beitrag regt zur Diskussion über die Dichotomien und Machtdynamiken von Infrastrukturprojekten als „Roads to Power“ (Steven G. Marks) in Vergangenheit und Gegenwart an.

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