Geteilte Macht? Traditionelle Hermeneutik und Digitale Methoden im Dialog
Digitalität bestimmt große Teile unseres Alltags, aber die Anwendung von digitalen Methoden für die Produktion neuer historischer Erkenntnisse bleibt für viele Historiker:innen ein fernes Ziel, wenn nicht gar Terra Incognita. Manche fragen sich zurecht, welche digitalen Methoden sie anwenden könnten und sollten, mit welcher Art neuer Erkenntnisse sie rechnen könnten, und wie sich digitale Methoden überhaupt in die Forschungspraxis einordnen ließen. Andere stellen das Potenzial digitaler Methoden in Frage, vielleicht aus Abneigung, vielleicht um sich nicht weiter mit dem Thema beschäftigen zu müssen.
Die Sektion setzt die traditionellen hermeneutischen Verfahren in ein dialogisches Verhältnis zu digitalen Methoden mit dem Ziel, die Chancen und Herausforderungen klar zu benennen und Forschende zu einer Auseinandersetzung mit digitalen Technologien zu befähigen. Die Sektion betont die „geteilte Macht“ traditioneller Hermeneutik und digitaler Methoden und geht den Fragen nach: „Wie gelange ich zu neuen historischen Erkenntnissen? Welche Rolle können digitale Werkzeuge und Methoden dabei spielen?”
Um die Perspektivenvielfalt abzubilden sollen, anders als beim klassischen Format mit drei Redner:innen, fünf kurze Impulsvorträge Orientierung bieten und digitale Methoden explizit in erkenntnisgetriebenen Forschungsprozessen darstellen, um den Mehrwert, aber vielleicht auch die Herausforderungen aufzuzeigen (50 Minuten). Die Beiträge liefern Reflexionen dazu, wie Geschichte durch digitale Methoden bereichert werden kann, während sie eng mit empirischen Fragestellungen verknüpft bleiben. Auf diese Weise soll die Methodendiskussion nicht losgelöst, sondern eng orientiert an der empirischen Erkenntnisarbeit vollzogen werden.
Nach den Impulsen findet eine 40-minütige Diskussion im Plenum statt, in der der Mehrwert für den Erkenntnisgewinn thematisiert sowie der Frage nachgegangen wird, wie man den Einsatz neuer Werkzeuge in die Validierung und Interpretation historischen Wissens einbettet.
Der Vortrag präsentiert ein fähigkeitsorientiertes Rahmenwerk zur Analyse digitaler Werkzeuge in der Geschichtswissenschaft. Es strukturiert Softwareanwendungen, vergleicht sie mit traditionellen Methoden und analysiert ihre Auswirkungen auf den Forschungsprozess. Das Modell umfasst die Phasen Input, Transformation und Output und betont die Bedeutung von Digital Literacy, Datenlogistik und -resilienz.
Der Beitrag legt dar, wie Wortfrequenzanalyse und Topic Modeling neue Wege zur Analyse großer Zeitungsbestände eröffnen und dadurch tiefere Einblicke in die Diskurse zum Demokratieverständnis unterschiedlicher Akteure in der Weimarer Republik gewähren. Dabei werden die Potenziale und Herausforderungen des Forschungsprojektes aufgezeigt.
Datenbanken lassen sich als digitale Aktenschränke verstehen. In ihnen werden Informationen abgelegt, miteinander verknüpft und stehen je nach Datenmodellierung zu mannigfaltiger Auswertung bereit. Am Beispiel der Entnazifizierung wird aufgezeigt, wie historische Daten erfasst und ins Digitale übersetzt werden können, um sie fachwissenschaftlichen Fragestellungen zu unterziehen.
Der Vortrag untersucht die digitale Sentimentanalyse in der historischen Forschung. Anhand von Fallstudien zu Reichstagsreden und den Ludditen wird ihr Einsatz kritisch reflektiert. Lassen sich vergangene Emotionen digital quantifizieren oder gar rekonstruieren? Während lexikalische Ansätze fehleranfällig sind, bieten „Large Language Models“ neue Perspektiven, aber auch methodische Probleme wie Überinterpretation und Bias.
Der Beitrag zeigt unter methodenkritischer Perspektive am Beispiel des Fachkommunikationsportals H-Soz-Kult und damit anhand genuin digitaler Quellen, wie verschiedene Implementierungen von Topic Modeling aber auch Technologien wie „Large Language Models“ eingesetzt werden können, um Einblicke in die Themen, Trends und Debatten der jüngsten Fachgeschichte zu gewinnen.