Anna Karla, Laetitia Lenel, Benjamin Möckel (Sektionsleitung)

Die Macht der Dynamik. Theoretische Zugänge zu einem historischen Schlüsselbegriff

Themen: Neuere und Neueste Geschichte, Zeitgeschichte, Geschichtsmethodik/-theorie
Sprache: Deutsch
Ort: Hörsaal 7
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„Dynamik“ ist heute beinahe überall. Der Begriff evoziert Vorstellungen einer vorandrängenden Bewegung: Dynamische Konstellationen unterliegen einem Wandel; Personen mit dynamischem Charakter gelten als schwungvoll und mitreißend; Prozesse, die sich dynamisch entwickeln, laufen rasch oder gar ungebremst ab. Der Titel des diesjährigen Historikertags „Dynamiken der Macht“ legt nahe, dass sich die Verhältnisse, in denen sich Macht konstituiert und legitimiert, desavouiert und regeneriert, in der Zeit wandeln.

Unser Vorschlag lautet, den Begriff der „Dynamik“ semantisch, ideen- und historiografiegeschichtlich zu untersuchen und mithin geschichtstheoretisch zu konturieren. Das Nachdenken über Dynamik – so unsere Hypothese – öffnet neue Perspektiven auf Macht als Gegenstand der gemeinsamen Reflexion. Erste Anhaltspunkte bieten Fachkulturen, die über einen differenzierten Begriff von Dynamik verfügen. In der Physik ist die Dynamik jener Teilbereich der klassischen Mechanik, der die Bewegungen von Körpern durch das Einwirken von Kräften erfasst. In der Musik dient die Dynamik innerhalb der Akustik als Gradmesser für Lautstärke und Tonfülle, wobei das Ausspielen von Kraft hier einen paradoxen Kern hat: Laut (und kräftig) kann jeder, während die Kunst in den leisen Tönen liegt.

Das Panel bietet drei Vorträge sowie Raum für eine 30-minütige Diskussion. Mit dem Gegenbegriff der Statik gerät ein Modell von Macht in den Blick, das auf Stabilität und Ausgeglichenheit beruht, aber auch dem Vorwurf der Trägheit und der Unbeweglichkeit ausgesetzt ist. Umgekehrt lässt sich die Rede von Dynamik als ein machtvolles historisches Erklärungsmodell angesichts von als krisenhaft beobachteten Veränderungen verstehen. Mit Bezug auf die Geschichte von Machtkonstellationen in neuzeitlichen Regimes und Revolutionen verdeutlichen die Beiträge, wie sich ein theoretisch fundierter Begriff der Dynamik empirisch nutzen lässt.

Dynamik und Statik
Theo Jung (Halle-Wittenberg)

Das aus der Physik stammende Begriffspaar Dynamik und Statik verweist auf das Problem des historischen Wandels. Dabei sind diese Begriffe keine Gegensätze. Um ihre Verflechtungen zu verstehen, lässt sich – erneut von der Physik inspiriert – zwischen statischer und dynamischer Stabilität unterscheiden. Da zeigt sich: beide beruhen nicht auf bloßer Unveränderlichkeit. Während die statische Stabilität das Gleichgewicht von Kräften (nicht deren Abwesenheit) beinhaltet, besteht die dynamische Stabilität gerade in der Hektik sich ständig wiederholender Operationen. Anhand von Beispielen wie dem europäischen Mächtegleichgewicht und der Frage nach Regimestabilität lässt sich zeigen, wie sich historiographische Debatten durch ein vertieftes theoretisches Verständnis von Statik und Dynamik neu fassen lassen.

Dynamik im politischen Sprachgebrauch, 1920–2020
Laetitia Lenel (Duisburg-Essen)

Nach nur vereinzelten Übernahmen fand der Begriff der Dynamik in den 1930er Jahren Eingang in den politischen Sprachgebrauch. Der Beitrag analysiert die Verwendung des Begriffs im 20. Jahrhundert und untersucht seine Wirkung in politischen Debatten im Reichstag und Bundestag vom Beginn der Weimarer Republik bis in die Gegenwart. Wie gezeigt wird, bewirkte die politische Verwendung des Begriffs eine Verengung der zeitlichen Perspektive, indem bestimmte Entwicklungen in die Zukunft fortgeschrieben wurden. Der Beitrag plädiert für eine differenziertere Verwendung des Begriffs der Dynamik, der im 20. Jahrhundert Teil eines Krisendiskurses geworden ist und dadurch eine präzise historische Analyse der Entscheidungsprozesse und Wirkungen erschwert.

Dynamik in der Geschichte neuzeitlicher Revolutionen
Anna Karla (Berlin)

Die im 19. Jahrhundert gängige Metapher der „Gärung“ wich im 20. Jahrhundert der Rede von der „revolutionären Dynamik“. Dieser Sprachwandel ging mit einer veränderten Sicht auf die Hauptakteure von Revolutionen einher: Galt in der Tradition des Historismus das Individuum als Handlungsträger, interessierten sich Sozial- und Mentalitätsgeschichte stärker für die Handlungsmacht von Kollektiven. Differenziert man den Begriff der Dynamik und erschließt sein semantisches Feld, so lassen sich beide Erklärungsstränge miteinander ins Gespräch bringen. Zu fragen ist, wie sich individuelles und kollektives Handeln wechselseitig beeinflussen, wo Tonangeber zu Impulsgebern werden und wann und durch wen Kipppunkte herbeigeführt werden.

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