Die Abstracts der Sektionen wurden aktualisiert |
|
|
Der Berichtsband erscheint voraussichtlich im Sommer 2009. Wir werden Sie an dieser Stelle weiterhin informieren. |
Inklusion, Exklusion und Distinktion im „Massenstaat“: Das Beispiel NSDAP
Referent/in: Armin Nolzen, Bochum
In seiner im Frühjahr 1939 im amerikanischen Exil verfassten Monographie „Der Massenstaat“ hat der Soziologe Emil Lederer das NS-Regime als politisches System beschrieben, das auf amorphen Massen basiere. Der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) obliege es, diese Massen zu institutionalisieren. Zu diesem Zwecke habe sie einen Großteil der Bevölkerung in ihre Organisationen aufgenommen und durch Mobilisierung in ständiger Bewegung gehalten. Auf diese Art und Weise sei es der NSDAP gelungen, die Bevölkerung zu einer „klassenlosen Gesellschaft“ zu verschmelzen. Diese resultierte also nicht aus einer Änderung der Eigentumsverhältnisse, wie es seinerzeit die Marxsche Vision gewesen war, sondern aus Institutionalisierung und Mobilisierung als den beiden wesentlichen Tätigkeiten der NSDAP.
Lederer warnte ausdrücklich vor den Gefahren einer solchen „klassenlosen Gesellschaft“, wie sie das NS-Regime für ihn repräsentierte. Sein „Massenstaat“, der bislang kaum rezipiert worden ist, hat für unsere Sektion über „Ungleichheiten“ im NS-Staat eine doppelte Bedeutung: Zum einen betonte Lederer darin die Dynamik des NS-Regimes und entwickelte ein feines Gespür dafür, dass dem „Dritten Reich“ mit einer marxistisch inspirierten Schichtungsanalyse nicht beizukommen war. Zum anderen rückte er mit der NSDAP einen Herrschaftsträger ins Zentrum der Analyse, dem in Arbeiten über das „Dritte Reich“ gemeinhin nur wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Im Anschluss an Lederer verfolgt mein Beitrag ein zweifaches Erkenntnisinteresse: Zum einen zielt er auf eine neue, sich von bisherigen sozialgeschichtlichen Studien unterscheidende Herangehensweise ab, um die soziale Dynamik im NS-Staat genauer als bisher zu vermessen. Zum anderen erprobt er dieses Instrumentarium anhand des Beispiels NSDAP. Diese wird als Netzwerkorganisation verstanden, zu der sowohl die Partei als auch alle ihre Gliederungen, angeschlossenen und betreuten Verbände gehörten. Die Frage nach Gleichheit und Ungleichheit im NS-Staat erfordert eine integrale Analyse aller dieser Apparate. Eine zureichende Antwort kann nur die Gesellschaftsgeschichte geben, und die NSDAP repräsentierte die deutsche Gesellschaft wie kaum eine zweite Institution.